Tanz in den Mai

Hochzeit in Johannesburg

Im April hatte ich die wunderbare Chance an einer traditionellen Hochzeit teilzunehmen. Die Einladung bekam ich schon Ende letzten Jahres von Tambo, einem guten Freund, den ich durch meine Organisation kenne. Er hat mich zu seiner und Antonias Hochzeit nach Parys eingeladen, einer Kleinstadt in der Naehe von Johannesburg. Am Freitag, den 12. April bin ich also mit meinem Mitbewohner Jona nach Johannesburg geflogen. 

Auf nach Johannesburg

Johannesburg begrüßte uns mit einem heftigen Gewitter und Regenschauer. Wir haben uns einen halben Tag lang im Viertel Rosebank aufgehalten, einem Künstler und Musikerviertel, in dem es viele kleine und große Galerien gibt. Generell machte Johannesburg auf mich einen ganz anderen Eindruck als Kapstadt. Vielleicht habe ich mich mittlerweile einfach schon so an die Berge und das Meer in Kapstadt gewöhnt, die ich in Johannesburg vergeblich gesucht habe. 

Industriestadt

Trotzdem war meine kurze Reise nach Johannesburg definitiv eine Erfahrung, schon durch den halben Tag, den wir nur dort verbracht hatten, fiel mir auf wie unterschiedlich doch auch die Leute dort sind. Es gab einfach wahnsinnig viele teure Autos (was sicherlich auch an der etwas reicheren Gegend lag, in der wir uns aufgehalten haben) und viele der berufstätigen Johannesburger sind offensichtlich mit ihren Handys auf der Strasse rumgelaufen. Das würde ich mich in Kapstadt niemals trauen. Gleich zu Beginn ist mir auch aufgefallen, dass es eine viel größere reiche schwarze Oberschicht in Joburg gibt, als ich das aus Kapstadt kenne. Generell hat Johannesburg auf mich den Eindruck gemacht, als sei dort der Unterschied zwischen den Hautfarben in Bezug auf Reichtum nicht so eindeutig zu definieren wie das manchmal in Kapstadt ist. Ich habe aber ja auch wirklich nur eine sehr kurze Zeit dort verbracht und kann das deswegen nur aus meiner Sicht einschaetzen.  Wer aber mehr über das Leben und Leute in Johannesburg erfahren möchte, dem kann ich  den Blog von Lisa, eine meiner Mitfreiwilligen, sehr empfehlen. Sie verbringt ihren Freiwilligendienst in Johannesburg und unterrichtet dort an einer Schule.  

https://lilatsparrows.wordpress.com

Nachdem Jona und ich uns noch mit Endi, Jonas Freundin in Johannesburg getroffen haben, wurden wir von einem Grosscousin Tambos in Randburg, einem wieteren Stadtteil Joburgs abgeholt. Er hat uns angeboten uns mit nach Parys zur Hochzeit zu nehmen, da er am Freitagvormittag noch arbeiten musste. Für uns war das natürlich super, da wir uns so die Kosten für einen Bus sparen konnten und sehr bequem nach Parys chauffiert wurden. Ein einhalb Stunden waren wir unterwegs und haben dabei die Landschaft und die Industriegegenden rund um Johannesburg gesehen. Auch am riesengroßen Soweto, der Township Gegend Joburgs sind wir vorbeigefahren. Danach kam erst einmal ganz lange nichts. Eine sehr weite Graslandschaft begleitete uns bis wir in der Kleinstadt Parys angekommen waren. 

Wir wurden sehr herzlich im Haus des Bräutigams begrüßt und erst einmal jedem vorgestellt. Es war beeindruckend wie stark die Familie von Tambo zusammengehalten haben und dadurch die gesamte Hochzeit von Aufstellen des Zeltes, Deko, das gesamte Hochzeitsessen und die Kleider mitorganisiert haben. Als wir nämlich an dem Abend vor der Hochzeit ankamen,  war schon ein ganzes Schaf geschlachtet, Bier gebraut, gefühlte zwei Säcke Kürbis geschält und gekocht, Salate gemacht, Brotteig geknetet und noch vieles mehr an Essen für die fast 150 Gäste vorbereitet. Der Zusammenhalt hat mich sehr fasziniert und ging das ganze Wochenende so weiter. Jona, Endi und ich konnten an dem Wochenende bei Tebello, Tambos bestem Freund, unterkommen. Er hatte uns sein Wohnzimmer und sogar sein eigenes Schlafzimmer angeboten und hat sich ganz selbstverständlich auf einer mini kleinen Couch in der Küche einquartiert. Ich habe mich fast schon ein bisschen geschämt, aber für ihn war das wie eine Selbstverständlichkeit, dass er seinen Gästen sein Bett anbietet. 

Tebellos Wohnzimmer, in dem ich für die zwei Nächte unterkommen durfte.

Am Samstagmorgen habe ich dann mein Hochzeitsoutfit angezogen und mich für die Zeremonie fertiggemacht. Die Hochzeit fand in einem Zelt vor dem Haus des Bräutigams mitten auf der Straße statt. Das hat da auch niemanden gestört und eine rechtliche Genehmigung brauchten wir dafür erst recht nicht. Irgendwann fand dann der Einmarsch des Brautpaares statt, da waren aber noch längst nicht alle Gäste da, es wurde gesungen, getanzt und ganz laut geschrien. Alle Frauen haben ein sehr interessantes Schreigeräusch gemacht, ein bisschen wie bei der Fasnet in Oberschwaben, wenn die Hexen durch die Menge rennen und auch laut rumschreien. Nur um das Schreigeräusch vergleichend darstellen zu können! 

Ich habe mich noch nie so bunt angezogen.

Ich habe großen Respekt vor der deutschen Familie Antonias, die sich auf diese traditionelle Hochzeit eingelassen haben. Und obwohl ich glaube, dass die gesamte Hochzeit schon viel leiser war, als es sonst der Fall ist (was ich so von den Südafrikanern gehört habe), war da schon ein ziemlich großer kultureller Unterschied zu Hochzeiten, die ich aus der deutschen Kultur kenne. 

Ich glaube am eindrucksvollsten für mich waren die Tänze, die drei Männer mit traditionellem Gewand vor dem Brautpaar vorgeführt haben. Aber auch die Reden des Bräutigams an seine Braut und die Braut an ihren Bräutigam waren sehr emotional. Antonia hat anstatt eine Rede zu halten, Gitarre gespielt und für Tambo gesungen. Ich habe angefangen zu weinen. 

Bis spät abends saßen alle Gäste noch zusammen und haben sich unterhalten, über das Leben, die Liebe und Politik. 

Am Sonntag sind wir nach einem kleinen Familienessen, das von Antonias Eltern ausgerichtet wurde, mit Fetra, einem Freund Tambos, wieder zurück nach Johannesburg gefahren. Er hatte uns am Flughafen rausgelassen und wie das eben das südafrikanische Zeitmanagement so an sich hat, hatten wir dann nur noch knappe 30min für Check-In, Gepäckkontrolle und Boarding. Aber kein Problem für Jona und mich, wir sind gesprintet.

Familienwiedersehen 

Dank unserem Sprint zum Gate haben wir es noch pünktlich zum Flugzeug geschafft. Die zwei Stunden zurück nach Kapstadt, sind mir viel zu lange vorgekommen. Am Flughafen in Kapstadt habe ich dann auf meine Familie gewartet. Ich war so nervös. Es war eine Mischung aus Freude und Angst, die mich nicht still sitzenlassen konnte. 

Und plötzlich standen alle vor mir, meine Mama, mein Papa, Jona, Lorenz und Konsti. Es war toll. Könnte man Momente einfangen und in ein Marmeladenglas packen, wäre das sicherlich einer davon gewesen. 

Ich habe mich plötzlich so Zuhause gefühlt. Und das obwohl ich immer noch mitten im Flughafengebäude stand. Unglaublich aber wahr, ich bin jetzt fast die Kleinste in meiner Familie. 

Tick, Trick, Track und ich

Die nächsten zwei Wochen waren toll. Ich habe meiner Familie versucht so viel Kapstadt wie möglich zu zeigen und vor allem: das Kapstadt, wie ich es erlebe. Aber das war gar nicht so einfach. 

Denn selbst ich kann mich als weiße Person alleine nicht wirklich in Gegenden bewegen, die nicht sicher sind. Aber eine ganze weiße Familie dorthin zu schleppen, das fühlte sich für mich nicht wirklich richtig an. Außerdem wollte ich ja auch nicht das Risiko eingehen, überfallen oder ausgeraubt zu werden. Das ist nämlich Jona mit seinen Eltern passiert, als er ihnen seine Arbeit zeigen wollte im Township. Dabei wurden ihnen die Fenster ihres Mietautos eingeschlagen und versucht Jonas Rucksack zu klauen. Zum Glück ist außer den eingeschlagenen Autofenstern nicht mehr passiert, trotzdem wollte ich meiner Familie diesen Schock ersparen und habe deshalb immer ein wenig über-sensibel gemeint, wir sollten jetzt besser unsere Wertsachen unter die Sitze tun und nicht offensichtlich mit dem Handy in der Hand im Auto sitzen. Die ersten paar Tage haben wir zusammen in Kapstadt verbracht und ich habe meiner Familie meine Lieblingsplätze in Kapstadt gezeigt, meine Arbeitsstelle und wir sind zusammen ans Kap der Guten Hoffnung gewandert. 

Am Geburtstag meines Vaters haben wir im Mama Africa, einem südafrikanischen Restaurant in der Stadt einen Tisch bestellt und ein wunderschönes Abendessen gehabt. Mein Papa hatte sich eine Grillplatte mit Kudu, Springbok und Strauß bestellt, dazu habe ich ihm Pap bestellt, mit Wasser gekochter Maismehlbrei, den es in Südafrika zu so ziemlich allem gibt. Ich glaube aber das hat ihn nicht so überzeugt. Unsere Bedienung an dem Abend war super freundlich und hat mitbekommen, dass mein Vater Geburtstag hat und hat die Band beauftragt ihm ein Geburtstagslied zu singen. Dazu hat er noch ein Dessert auf Kosten des Hauses bekommen. 

Wer kann schon sagen, er hat seinen 50. Geburtstag in Südafrika gefeiert ?

(richtige Antwort: Mein Papa)

An dem Abend habe ich meinen Eltern Uber fahren beigebracht. Uber ist etwas sehr sehr tolles, das werde ich definitiv vermissen. Die Uber App gibt es glaube ich in Deutschland nur in wenigen Städten (zumindest war das so als ich Deutschland letztes Jahr verlassen habe). Man kann sich damit ganz einfach ein Taxi bestellen mithilfe von GPS und Internetverbindung, man gibt einfach die Adresse ein zu der man fahren will und bekommt dann eine Auskunft über die Dauer und die Kosten der Fahrt. Bezahlen kann man entweder mit Bargeld im Uber oder online mit Kreditkarte. Auf einer Karte wird einem dann auch angezeigt wann der persönliche Taxifahrer da ist und welches Kennzeichen er hat. So kann man super schnell, einfach und vor allem auch sicher (da man seine GPS Location mit jedem WhatsApp Nutzer live teilen kann) ein Taxi bestellen. 

Am dritten Tag sind wir dann losgefahren an die Garden Route. Unser erster Stop war eine Straußenfarm in Oudtshoorn. Ich war überwältigt von der modernen und sehr luxeriös eingerichteten Unterkunft. Das Guesthouse war wie ein Hotel. Es gab einen großen Pool, in dem ich auch einmal kurz schwimmen gegangen bin, ein wunderschönes helles Zimmer mit großem Doppelbett, das ich mir mit meiner Mama geteilt habe und ein Luxus-Badezimmer. Ich finde eine schöne Dusche, mit warmem Wasser auf Knopfdruck und einem Wasserstrahl, der nicht einem Regenrinnsal ähnelt, wirklich etwas sehr luxuriöses. 

Das Mooiplaas Gästehaus in Oudtshoorn

Straußenfarm 

Wir haben uns die Straußenfarm am nächsten Tag auch in aller Ruhe anschauen können. Interessant war, obwohl ich immer noch gegen Tiere töten bin, dass so gut wie jedes Körperteil des Straußes weiterverarbeitet wird. Federn hatten je nach ihrer Größe Verwendung als Staubwedel oder Boa und das Leder der großen Vögel wurde in Handtaschen und Geldbeutel verarbeitet. 

Beeindruckt hat mich auch die Größe der Farm. Über 15.000 Straußen schlüpfen dort jährlich, es ist eine der ältesten Straußenfarmen weltweit. Ben, der uns durch die Farm geführt hat, hatte uns auch von der Vogelgrippe 2012 erzählt. Damals musste die Farm rund 45.000 Straußen töten und verbrennen, das Fleisch konnte nicht mehr verkauft werden. Rund 20.000 Menschen in der Region verloren damals ihren Job. So langsam entwickelt sich wieder ein Markt für Straußenfleisch und deren Lederprodukte. Ich fand es sehr beeindruckend wie viel Land ein Farmer alleine besitzen kann. Mir wurde dadurch viel mehr bewusst, warum es diesen „Landkrieg“ in Südafrika gibt. Es ist unfair zu sehen, wie viel Land ein einziger Farmer besitzt, im Gegensatz zu fast 6 Millionen Menschen (bei einer Bevölkerung von insgesamt 56,7 Mio in ganz Südafrika), die in einer der Shacks im Township wohnen. Das wäre dann laut Statistik in etwa zweimal die Bevölkerung Berlins. Ich stelle mir vor, wie Berlin als Township aussehen würde. 

Wen der Streit um das Land in Südafrika noch mehr interessiert, im Forbes Magazin erschien dazu 2018 ein sehr interessanter Artikel: 

https://www.forbes.com/sites/lorenzomontanari/2018/03/14/fight-rages-over-land-reform-in-south-africa/#65ee5c9171f3

Cango Caves

Die Kleinstadt Oudtshoorn hat mir sehr gut gefallen. Es war super ruhig, sehr gemütlich und hatte viele kleine Ateliers und Cafés. Von dort aus haben wir auch die Cango Caves besucht. Eines der schönsten Höhlensystemen in der südafrikanischen Provinz Klein-Karoo. Über 4 km erstreckte sich die Höhle in den Swartbergen mit über 20 Kammern. Besonders interessant: Die Höhle hat eine konstante Temperatur von etwa 20+C. Mein Mitbewohner in Kapstadt hatte mir schon von den Höhlen erzählt und meinte zu mir ich solle unbedingt die „Adventure Tour“ machen. So haben wir uns also alle durch 30cm enge Tunnel gequetscht und sind auf allen Vieren durch die Höhle gekrabbelt. Definitiv eine Erfahrung, die ich so schnell nicht mehr vergessen werde. Ich kann mir jetzt viel besser vorstellen, wie sich ein Höhlenforscher fühlen muss, wenn er durch enge Schächte klettert mit nur einer einzigen Öllampe als Lichtquelle. 

Garden Route

In den nächsten Tagen haben wir eine Weberei besichtigt, in Farmshops lecker gegessen und die Landschaft Südafrikas bewundert. In Plettenberg Bay waren wir am Strand und haben den Sonnenuntergang angeschaut, wir haben in Baumhaus-Zelten geschlafen und die hatten sogar beheizte Bettdecken!! und wir haben Impalas gesehen, die zwischen den Schluchten einer alten Pfirsich Plantage gegrast haben. 

Meine Eltern und Brüder haben ihre erste Safari gemacht, während ich mich an dem Tag ins Bett verabschiedet hatte, weil meine Erkältung nach zwei Wochen einfach immer noch nicht ganz weg gewesen ist. 

Über Mossel Bay sind wir dann nach Heidelberg gefahren, wo wir auf einer Schaffarm untergekommen sind. Auch dort war es einfach super luxeriös und schön. Abends hatten wir ein gemütliches Dinner, bei dem der Farmbesitzer und seine Tochter bedient und gegrillt haben. 

Am Dienstag haben wir uns dann wieder auf den Rückweg nach Kapstadt gemacht und sind über Stellenbosch (die Weingegend um Kapstadt) wieder zurück in die „Mother city“ gefahren.

Zurück in Kapstadt

Die letzten drei Tage hat meine Mutter genutzt um ganz viele Stoffe zu kaufen, die gibt es hier nämlich so viel günstiger als in Deutschland und mein Papa zum Fish n Chips essen an der Waterfront. Außerdem sind wir alle gemeinsam den Tafelberg hoch und runtergewandert und haben uns dabei auch einmal ganz schön verlaufen. Aber alles halb so wild, als wir auf dem Berg waren, haben sich plötzlich die Wolken aufgetan und wir hatten eine geniale Aussicht auf Kapstadt. Es hatte sich gelohnt. 

Am letzten Abend haben wir in meiner WG einen Braai veranstaltet. Die Eltern meines Mitbewohners Jona waren auch gerade zu Besuch, sodass wir uns zusammengeschlossen hatten und unsere Familien und ein paar unserer Freunde zu uns nach Hause eingeladen haben. Es war ein sehr schöner Abend. 

Als meine Familie am nächsten Tag dann abgeflogen ist, war es plötzlich wieder ganz ruhig. Die Zeit verging viel zu schnell, sie waren doch gerade erst gekommen. Der Urlaub mit meiner Familie war wunderschön, keine Frage, aber irgendwie hat es mich auch sehr nachdenklich gemacht. Tourismus ist etwas sehr zwiespältiges. Auf unserer ganzen Reise sind wir so vielen Deutschen begegnet, in vielen der Gästehäusern konnten die Angestellten sogar Deutsch sprechen. An sich ist daran ja nichts falsch, aber irgendwie hat es sich für mich seltsam angefühlt. Was ich mit zweigespalten meine: 

Es ist toll, dass Tourismus die Wirtschaft Südafrikas ankurbelt und viele Arbeitsplätze schafft. Südafrika ist ja auch ein sehr spannendes Land, das wunderschöne Plätze zu bieten hat und stolz sein kann, wie schön die Natur in diesem Land ist. Ich habe mich aber trotzdem gefragt, ob nicht wieder nur die weiße Bevölkerung davon profitiert. Denn egal in welchem Gästehaus wir waren, die Besitzer waren weiße, die Angestellten coloured oder schwarz. Oft sind wir auf dem Weg zu den luxuriösen Unterkünften an den sehr einfachen Ziegelhäusern der Angestellten und deren Familien vorbeigekommen. Nachdem wir am Abend vorher ein Glas Wein am Swimmingpool sitzend den Sonnenuntergang genießen konnten, sind auch wir, wie alle anderen Touristen am nächsten Morgen wieder weitergefahren, haben uns noch über das gute Essen und das bequeme Bett unterhalten. Die Angestellten bleiben aber in ihren Ziegelhäusern und haben durch unseren Besuch vielleicht einen Job, aber eine wirkliche Chance auf Aufstiegsmöglichkeiten haben sie nicht. Oftmals besitzen sie das Land, auf dem ihr Haus steht nicht einmal selbst. Einer der Farmer besaß tatsächlich 770 ha Land, also die Größe von über 700 Fußballfeldern. 

Ich will nicht sagen, dass Tourismus schlecht ist, aber ich möchte in Zukunft wirklich darüber nachdenken, wie und wohin ich reise. Ich muss nicht deutsch sprechen können in meiner Unterkunft, ich brauche auch nicht unbedingt einen Swimmingpool in einem Land, in dem Wasser sowieso knapp ist, und ich brauche auch keine 10 Angestellten, die mir die Koffer tragen, den Kaffee servieren oder meine Kleidung zusammenlegen. Wirklich, ich hatte eine sehr schöne Zeit auf der Reise entlang der Garden Route mit meiner Familie, aber nachdenklich hat mich das Ganze schon gemacht. Es ist schade, dass fast wieder nur die Weißen (oft Europäer) die Chance dazu haben, Südafrika zu bereisen. Einer der Angestellten der Gästehäuser hat wohl kaum die Möglichkeit so Urlaub zu machen, wie ich das jetzt mit meiner Familie konnte. Klar bin ich dankbar, unendlich privilegiert zu sein und auch sehr glücklich diese Erfahrung machen zu können, aber ich würde es jedem Menschen, der hart arbeitet, gönnen. 

Was mich am meisten stört ist aber der Gedanke daran, dass die meisten Touristen, die sich dann von einem Gästehaus ins andere bewegen, so überhaupt nicht mitbekommen, wo die Probleme in diesem Land liegen. Von Wasserknappheit keine Spur, das Bucket System habe ich in keiner einzigen der Unterkünfte gefunden. Ich kann mir vorstellen, dass sich viele der Reisenden auch gar nicht bewusst sind, wie gespalten dieses Land ist. Wie groß der Konflikt zwischen den Hautfarben, der Streit um Land, die Korruption in der Politik und die große Armut ist. Gerade Südafrika braucht, finde ich, einen Tourismus, der auch etwas verändert im Hinblick auf den Hautfarben-Konflikt, im Hinblick auf den Arbeitsmarkt und generellen Frieden. Damit will ich nicht sagen, dass ich gegen Tourismus bin, aber vielleicht bin ich gegen Tourismus, der ein falsches Bild liefert. Hätte ich nur den Urlaub mit meiner Familie für zwei Wochen gehabt, wäre mir nie bewusst geworden wie groß die sozialen Unterschiede in der Gesellschaft Südafrikas sind. Mir wäre auch nie aufgefallen wie selbstbestimmt und frei ich leben darf, wie viele Chancen und grenzenlose Möglichkeiten ich habe. Der Urlaub hat mich dahingehend noch mehr sensibilisiert und nachdenklich gemacht. Ich weiß nicht genau wie eine Lösung für diesen Konflikt aussehen könnte, aber ich habe für mich persönlich beschlossen in Zukunft bewusster zu reisen. Vielleicht nicht in den 4 Sterne All-Inclusive Urlaub zu reisen, wo die Hotelangestellten alle deutsch sprechen, sondern eher die Chance nutzen internationale Kontakte zu pflegen, die ich durch Schüleraustausch oder andere Programme bereits habe. Dankbar zu sein, für die Chance diese Reise antreten zu können, mich weiterbilden und ein Vorbild sein. Ich vertrete ja schließlich Deutschland als deutsche Touristin in einem anderen Land. 

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, nicht mehr so Moral-Apostel-mäßig zu schreiben, aber irgendwie berühren mich doch einige der Themen sehr und ich habe das Gefühl, meine Gedanken und meine Nachdenklichkeit hier doch auch teilen zu wollen. Vielleicht schaffe ich es ja damit, dem ein oder anderen einen Denkanstoß zu geben. 

Alltag

Nachdem ich an dem Wochenende, nachdem meine Familie abgereist ist, in Stellenbosch wandern gewesen bin, fing am Montag wieder der ganz normale Alltag an. Es war schön wieder zurück zur Arbeit zu kommen. Ich merke immer dann, wenn ich eine Weile lang weggewesen bin, wie sehr sich die Trainees auch freuen mich wieder zu sehen und auch von den ein oder anderen Kollegen kam ein nettes Hallo und willkommen zurück. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich mir mittlerweile auch meinen eigenen Platz erarbeitet habe. 

Leider ist in Kapstadt mittlerweile auch der Herbst angebrochen, es wird jeden Tag kälter und vor allem auch regnerischer. Das macht meine Arbeit gerade ein bisschen langweilig, weil wir dadurch sehr viel weniger Gartenaufträge bekommen und somit oft den ganzen Tag im Workshop bleiben und nicht wirklich etwas zu tun haben. 

Ich wandere dann meistens herum, unterhalte mich mit den Trainees, frage sie nach ihrem Wochenende oder wir haben auch über die Wahlen in Südafrika gesprochen. Viele meiner Trainees dürfen nämlich wählen, wenn sie sich registriert haben. Gewählt wurde am Mittwoch, den 8. Mai, wir haben dafür extra noch geübt im Workshop. Dafür haben wir zwei Papierboxen aufgebaut, ein Wahlkomitee bestimmt und Wahlzettel ausgedruckt. So konnten die Trainees besser verstehen, wie eine Wahl abläuft. 

Einer meiner Trainees hat ganz offensichtlich EFF gewählt.

Aktuell sieht es so aus, als hätte die ANC (African National Congress) mit 57,5 % die Mehrheit im Parlament, die DA (Democratic Alliance), die vor allem im Western Cape also der Kapregion regiert, konnte 20,77% der Stimmen für sich gewinnen und die EFF (Economic Freedom Fighters) legte im Vergleich zur Wahl 2014 um über 4% zu und schaffte es auf einen Stimmenanteil von rund 10,8 %. Fast vier Tage hat es gedauert das Wahlergebnis auszuzählen und in Deutschland haben wir abends immer schon die Hochrechnungen .. 

Deutschland ist eben ein ganz anderes Kapitel. 

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Zweifel

Ist meine Arbeit als Freiwillige denn überhaupt erwünscht ? Habe ich ein Recht hier zu sein und zu helfen ? Kommt meine Hilfe an ?

Wie schon angekündigt kommt hier der Bericht zu einem unserer vielen Gespräche über genau diese Fragen und Zweifel, die denke ich jeder Freiwillige mindestens einmal erfährt. Ich habe mich schon vor Beginn meines Auslandsaufenthalts mit den negativen Aspekten eines FSJs auseinandergesetzt, aber erst als ich dann hier war und in meinem Arbeitsumfeld immer wieder an persönliche Grenzen gestoßen bin, war mir das erste Mal so richtig bewusst, das ein Freiwilliger eben nicht von jedem dankbar willkommen geheißen wird. Im Gespräch mit einigen der anderen Freiwilligen meiner Organisation haben wir darüber dann gesprochen und versucht uns gegenseitig Tipps zu geben, wie man mit dieser Situation besser und stärker umgehen kann.

Das Gespräch im genauen Wortlaut wiederzugeben war mir zwar nicht möglich, aber ich habe versucht das Gespräch so realistisch wie möglich wiederzugeben, wie ich es wahrgenommen habe. Trotzdem habe ich viele Verallgemeinerungen benutzt, um die Grundzüge des Gesprächs einfacher darzustellen. Mir ist bewusst, dass nicht jeder deutsche Freiwillige gleich ist und mir ist auch bewusst, dass sich jeder in der Situation wahrscheinlich anders verhalten würde und man nicht pauschalisieren kann. Ich hoffe dennoch, dass mit dem folgenden Bericht ein paar der Zweifel und Fragen thematisiert und angesprochen werden können. Bitte jedoch jeden Leser zu beachten, dass dies nur ein sehr kleiner Ausschnitt dessen ist, was jedem einzelnen Freiwilligen meiner Organisation während dem Jahr hier begegnet.

Selbstjustiz im Township, nach einer sichtbaren Schlägerei vor ihrem Wohnhaus im Township, erzählt eine der Freiwilligen von ihrem Wunsch eingreifen zu wollen. Sie fühlt sich verpflichtet einzugreifen, weiß aber nicht in wie weit eine Einmischung „erlaubt“ oder verboten ist. Sind wir als weiße „Voluntourists“, die es sich leisten können freiwillig und ohne Bezahlung von der Arbeitsstelle in Südafrika zu arbeiten überhaupt berechtigt uns in irgendeine Angelegenheit einzumischen? 

Wir besprechen weiter, was wir zu der Gewalttat denken und worin wir die Gründe für diese Handlung sehen: 

Bei dem Konflikt, den die Freiwillige geschildert hat, geht es um einen jugendlichen Kriminellen, der im Township vermutlich gestohlen hat und daraufhin von den Einheimischen verprügelt wurde. Viele der im Township lebenden Menschen fühlen sich von der Polizei und der Politik im Stich gelassen und sehen somit ihre einzige Chance für mehr Gerechtigkeit und Frieden in Selbstjustiz und Eigeninitiative. 

Wir fragen uns, ob sich die moralischen Werte von im Township lebenden Südafrikanern, von den moralischen Werten, die uns als Deutschen beigebracht wurden, unterscheiden. Uns fällt es sehr schwer für die Selbstjustiz Verständnis aufzubringen. Ist diese Selbstjustiz Teil einer anderen Kultur oder Tradition, die wir bisher nicht kannten? Für uns als Weiße ist es schwierig einen Maßstab festzulegen, wenn es darum geht inwieweit wir uns einmischen dürfen in Konflikte oder eben Situationen wie die bereits beschriebene. Für manche der Freiwilligen, die an der Diskussion teilnehmen, ist es schwer nachzuvollziehen, warum grundlegende Menschenrechte, wie keine Gewalt anzuwenden, hier nicht bedeutsam scheinen. Sind Menschenrechte vielleicht doch ein eher westliches Gedankengut und nicht universell? 

Das Gespräch dreht sich daraufhin um die Bedeutung der Menschenrechte in einem Land wie Südafrika und wir stellen fest, dass Bildung und damit auch das Wissen über die grundlegenden Menschenrechte dem Großteil der Bevölkerung nur schwer zugänglich ist. Es fehlt an Aufklärung zu den Menschenrechten, aber auch zu Themen wie Homophobie und Religion. Ist Deutschland in dieser Hinsicht einfach toleranter oder besser gebildet? Oder ist das eine Einstellungssache?  

Eine Freiwillige wirft ein, dass sie bereits öfter als „weißes, naives Mädchen“ bezeichnet wurde, dass mit der Gewalt, die sie hier im Township zu spüren bekommt, nicht umgehen kann, weil sie noch nie davor damit konfrontiert wurde. In gewisser Weise sind wir das ja auch als Freiwillige aus Deutschland. Wir haben mit solchen Situationen noch nicht umgehen müssen, weil wir so etwas nicht aus unserem Heimatland und dem Ort, an dem wir aufgewachsen sind, kennen. Wir wollen verstehen, warum die Menschen im Township so handeln, wir möchten Verständnis aufbringen für ihre Geschichten, ihren Hintergrund und ihr Handeln. Wir möchten ihnen nicht Verhaltensmuster aufzwingen und diese mit den Menschenrechten begründen. Wir möchten nicht belehrend sein, aber wir sind es doch, weil wir es aus unserem Land einfach anders kennen. 

Wir suchen weiter nach Erklärungen mit denen wir die Selbstjustiz in diesem Land verstehen können, die „Township-Regeln“, die für uns so unverständlich sind: 

Viele der Menschen hier in Südafrika sind hilflos, wütend und wünschen sich nichts mehr als endlich Frieden und Freiheit für ihre Gesellschaft. Sie sehen, dass die Regierung und die Sicherheitskräfte in ihrem Land ihnen diese Bedürfnisse nicht erfüllen können und handeln deshalb nach eigenem Urteil. In manchen Fällen löst Gewalt die Probleme schneller, als auf die Hilfe von der Regierung zu warten. Das einzige Mittel, dass die Kriminellen im Township aufhalten kann, ist deren Angst vor dem Tod oder dem lebenslangen gefesselt sein an einen Rollstuhl.  Für uns als Freiwillige ist es schwer diese Lösung durch Gewalt zu verstehen, wir haben gelernt bei Konflikten einzugreifen und versuchen zu schlichten. 

Die vorherige Frage tritt wieder auf: Wieso greifen Südafrikaner nicht ein? Wieso gibt es so viel Gewalt und der Großteil der Bevölkerung schaut einfach zu? Sind es unterschiedliche moralische Werte, die dem zu Grunde liegen? 

Eine Antwort finden wir im weiteren Verlauf des Gesprächs. Einer der Gesprächsteilnehmer merkt an, dass das Nicht-Eingreifen sicherlich nicht an einer anderen moralischen Denkweise liegt, sondern eher daran, dass im Township lebende Südafrikaner auf Grund ihrer Erfahrungen mehr um ihre eigene Sicherheit und der ihrer Familie besorgt sind, als dass sie sich der Gefahr ausgeben in den Konflikt, die Schlägerei involviert zu werden. Der Selbstschutz steht hier an größerer Stelle als der, der Zivilcourage. Die moralischen Werte seien sicherlich die gleichen, wie bei uns Deutschen, aber die Risiken und Gefahren, wenn ein Südafrikaner sich bei einem Konflikt einmischt unterscheiden sich massiv von denen, die ein Deutscher erfährt, wenn er sich in Deutschland in einen Streit einmischt. Nicht zu vergessen, dass wir in Deutschland ein funktionierendes Rechtssystem haben. 

Nicht nur der Umgang mit Gewalt beschäftig uns, sondern auch unsere eigenen Erfahrungen zum Thema Gerechtigkeit der Geschlechter spielen für uns in diesem Gespräch eine wichtige Rolle. Eine Freiwillige berichtet von ihrer Erfahrung aus der Suppenküche, in der sie einmal in der Woche aushilft. Dort wurde sie vor einigen Wochen in ein Gespräch verwickelt, nachdem sie wie alle anderen Studenten, die dort auch regelmäßig mithelfen, schwere Töpfe und Geschirrberge getragen hatte. In dem Gespräch meinte einer der Studenten zu ihr: „I thought feminism is over“. Sie fühlte sich daraufhin angegriffen und stigmatisiert, weil der Student sie als Schwächere bezeichnet hatte und ihr die Aufgaben, die er bei einem männlichen Studenten nicht hinterfragt hätte, nicht zugetraut hat. Als Frau fühlte sie sich dadurch abgewertet. Eine andere Freiwillige erzählt von ihrer Arbeitsstelle und berichtet, dass ihre Vorgesetzten ihr zu Beginn mitgeteilt haben, dass sie sich eigentlich einen männlichen Freiwilligen als Bewerber gewünscht hätte, weil diese mehr mit anpacken könnten und mehr mitarbeiten könnten. Die Vorurteile gegenüber Frauen, die beide der Freiwilligen erfahren haben, haben beide als verletzend empfunden. Der Fakt, dass nicht erst abgewartet wurde, was die weiblichen Freiwilligen tatsächlich können, sondern erst einmal generalisiert wurde, löst ein Gefühl der Ungerechtigkeit aus. 

Eine andere Gruppenteilnehmerin wirft ein, dass die Geschichte der Geschlechtergleichheit in Südafrika beachtet werden sollte. Nicht nur, dass früher viel Geld von der Familie des Bräutigams an die Familie der Frau gezahlt werden musste, auch heute noch wachsen die meisten Kinder in den Townships ohne Väter auf. Die Geschlechtergleichheit scheint in Südafrika auf der Prioritätenliste sehr weit unten zu stehen, wenn beachtet wird mit wie vielen anderen Problemen das Land zu kämpfen hat. Ein Blick in die deutsche Geschichte hilft um zu verstehen, dass in Südafrika noch ein weiter Weg vorgenommen werden muss, um zu einer Gerechtigkeit zu gelangen zwischen Mann und Frau. Doch wo haben Frauen (auch wir als weibliche Freiwillige) das Recht STOP zu sagen und bei welchen Themen mischen wir uns ein, bei welchen nicht? 

Das folgende Beispiel fasst zusammen, was viele von uns weiblichen Freiwilligen täglich erleben: 

Eine der Freiwilligen erzählt von ihrem Erlebnis im Township. Während sie durch die Straßen im Township läuft, hört sie plötzlich wie ein Mann ihr hinterherruft: „Hey Girlfriend“, sie versucht den Mann zu ignorieren. Doch der Mann ruft und läuft ihr weiterhin hinterher. Nach einer Weile bleibt sie stehen und dreht sich zu ihm um: „No I’m not your girlfriend“. In einem kurzen Gespräch erklärt sie ihm, dass sie nicht seine Freundin ist und sie auch nicht so gerufen werden will. Er meint darauf, dass er sie sehr dafür respektiere, dass sie ihm ihre Meinung so klar und deutlich mitgeteilt hat und sie wird daraufhin in Ruhe gelassen. 

Viele der anderen weiblichen Freiwilligen haben bereits ähnliche Erfahrungen gemacht und eine der Fragen die dabei immer wieder auftaucht ist: Wie weit kann man als Frau gehen, was muss man sich nicht mehr gefallen lassen. Wie erklärt man aber auch einem Mann, dass man etwas nicht möchte ohne ihn in seiner Kultur zu verletzen? Wie äußert man seine eigene Meinung zu dem, wie man selbst behandelt werden möchte. In der Diskussion einigen wir uns darauf, dass jeder das Recht dazu hat seine eigenen Grenzen zu ziehen und diese auch offen zu kommunizieren. Selbstverständlich sind diese Grenzen auch situationsbedingt und ändern sich dementsprechend. 

Von den männlichen Teilnehmern unserer Gruppendiskussion wird angemerkt, dass sie sich als Mann in Südafrika frei äußern können, es gibt kaum Unterschiede zu Deutschland, meint einer der Teilnehmer, wobei allerdings ein gewisses Verständnis für die Hilfe des Mannes im Haushalt vorhanden ist. Klar festgeschrieben ist zum Beispiel, die Frau macht den Haushalt und kümmert sich um die Kinder. 

Wir stellen als Gruppe fest, dass das Thema Beziehungen oftmals ganz anders betrachtet wird, als wir es aus Deutschland kennen. Für Männer in Südafrika gilt: „Rummachen ist nicht betrügen“, obwohl für Frauen gilt: „ Rummachen ist verboten“. Schon mehr als einmal erzählen einem Frauen und Männer hier: „ All men cheat, especially in December“. 

Wie geht man mit so einer Einstellung zum Thema Liebe und Sexualität um? 

Wir besprechen die zwei Möglichkeiten, entweder Konfrontation und das Thema wird angesprochen oder eben dieses männliche Freiheitsdenken in Sachen Beziehung wird ignoriert. Auch wenn ein Austausch und Gesprächswille oft zu nichts führen ist es dennoch wichtig, vor allem als Frau, sich dem Thema zu stellen und auch die männlichen Südafrikaner, die ein solches Denken zeigen, darauf anzusprechen. Eine Freiwillige meint es braucht sehr viel Zeit, Argumente, Diskussionen und Geduld um zu erklären, warum man es nicht versteht, dass ein Mann augenscheinlich so unterschiedliche Rechte hat, wenn es um Beziehungen geht. Zwar kostet es viel Energie und Verständnis um seine eigene Meinung klar zu machen, oft müssen Rückschläge eingesteckt werden, wenn man auf pure Sturheit trifft, aber es lohnt sich dennoch auch seine eigene Meinung zu äußern. 

Wieder geht es daraufhin in der Diskussion darum, dass es für uns als Freiwillige oft schwierig ist, unsere Meinung zu äußern. Ist es legitim, wie ein Richter, über  eine andere Kultur zu richten? Wir sind in Deutschland aufgewachsen, wir haben andere Ideale, andere Werte und eine völlig andere Kultur. Müssen wir da nicht vorsichtig sein, dass wir nicht unsere (westlichen) Werte zu hoch setzen und als die besten ansehen? Außerdem dürfen wir nicht verallgemeinern, nicht alle Südafrikaner sind gleich, wie auch nicht alle Deutschen gleich sind. Wofür nehmen wir als Weiße im Konflikt der Hautfarben, der seit Jahrzehnten in Südafrika  herrscht, Verantwortung? Woran sind wir schuld? Wir wissen, dass Europa und die westlichen Länder, Afrika ausbeutet. Aber sind wir daran schuld? Jeder von uns Freiwilligen will sich auf eine gewisse Art und Weise beweisen. Will zeigen, dass er oder sie besser handelt, weniger rassistisch, sich sorgt und etwas verändern. Wir möchten nicht in Schubladen gesteckt werden. 

Eine Freiwillige meint sie findet die Kommunikation zwischen Südafrikanern und Deutschen schwierig. Sie stößt oft auf Resignation, meint sie. Das liegt wohl daran, dass das Bild eines Weißen in vielen Köpfen der ärmeren Bevölkerung Südafrikas oft mit Geld und Belehrung verbunden ist.

Nachdem viele in der Gruppe sich mittellos und ratlos fühlen was Kommunikation und Problemlösung betrifft, merkt einer der Gruppenteilnehmer an, dass sich manche Mühe definitiv lohnt. Auch wenn es viel Anstrengung bedarf und oft Frustration das Gespräch beendet, sollte man sich auf verschiedene Gesprächspartner einlassen. Oft sehe man keine direkte Veränderung oder habe das Gefühl, seine Meinung werde bei dem Gegenüber nicht gehört. In der Realität aber, lohne es sich, seinen eigenen Mut zusammen zunehmen und in eine Diskussion zu gehen, da die Person gegenüber definitiv etwas aus dem Gespräch für sich mitnehmen würde. 

Wir besprechen weiter, dass wir bereits viele unserer Denkmuster neu überdacht haben. Jeder von uns Freiwilligen hatte bereits die ein oder andere Situation, in der er oder sie, sich mit einem Problem beschäftigen musste, dass wir nicht einfach mit unseren bisherigen moralischen Werten lösen konnten . Einer der Gruppenteilnehmer meint, es hilft, wenn man seine eigenen moralischen Grenzen verschiebt, neue Verhaltensmuster erlernt um sich selbst zu schützen. Er spricht von eigenen Erfahrungen und meint, die XHOSA Kultur und die Deutsche Kultur seien teilweise so unterschiedlich, dass es ihm helfe, einfach die andere Kultur zu akzeptieren, so hinzunehmen wie sie ist und die Unterscheide einfach anzunehmen. Es gibt Themen, die nicht kompromissfähig sind, manchmal muss man etwas einfach stehen lassen und auf sich beruhen lassen, um damit besser umgehen zu können. Auch wichtig ist die Entscheidung: Was ist wichtiger? Auf seinem eigenen Standpunkt zu bleiben oder die Gelassenheit, sich auch mit Neuem zu arrangieren. Beinahe jeder Kulturunterschied hat seine Da-seins-Berechtigung.  Es ist eine enorme persönliche Herausforderung mit Gegensätzen umgehen zu lernen. Wichtig ist aber hierbei immer noch: Wo sind die persönlichen Grenzen? 

Eine andere Freiwillige wirft ein, dass viele Einstellungen und Gewohnheiten aus Deutschland in einem Land wie Südafrika einfach nicht der Fall sind. Oft hilft es da aber auch, die Perspektive zu wechseln, nicht auf dem eigenen Standpunkt zu beharren. Wir sprechen weiter über Dankbarkeit, die uns auch hilft, uns weiterzubilden, toleranter zu werden. Denn wie tolerant sind wir eigentlich wirklich? Wie rassistisch sind wir wirklich? 

Eine Freiwillige meint: In der eigenen Komfort Zone, also beispielsweise  Zuhause in Deutschland, ist es einfach sich tolerant zu nennen. Außerhalb ist diese Toleranz erst einmal auf dem Prüfstand. Denn in einer anderen Umgebung, haben wir es mit ganz anderen Konflikten und Problemen zu tun. Wir können deshalb dankbar sein, dass wir diese Erfahrung dieses Jahr machen dürfen, um uns selbst zu überprüfen, uns länger mit unserer Toleranzgrenze auseinanderzusetzen. Außerdem ist es immer noch unsere persönliche Entscheidung, ob wir die Gesellschaftsproblematik angehen, Unterscheide akzeptieren, sie aushalten oder ihnen aus dem Weg gehen. 

Als Fazit halten wir also fest, dass wir Kommunikation, auch bei schwierigen politischen oder gesellschaftskritischen Themen nicht vermeiden wollen. Wir als Freiwillige haben eine besonders wichtige, aber auch dankbare Aufgabe darin, Akzeptanz und Toleranz zu erlernen und Verständnis für kulturelle Unterschiede aufzubringen. 

Es kann aber auch helfen die eigenen moralischen Grenzen neu zu ziehen um mit Konflikten, denen man sonst bisher im eigenen Heimatland bisher nicht begegnet ist, besser umgehen zu können. Darüber hinaus muss aber auch jeder Einzelne und jede Einzelne situationsbedingt neue Entscheidungen treffen, die die persönlichen Grenzen nicht überschreiten. 

192 Tage in Kapstadt.

So lange sich diese Zeit auch anhört, diese 192 Tage sind wahnsinnig schnell vergangen. Über die Hälfte meines Jahres ist einfach schon vorbei. 

Teil des Weltwärts- Programmes bei dem ich teilnehme, da meine Organisation SAGE Net, eine vom Bundesministerium für entwicklungspolitische Bildung geförderte Organisation ist, ist ein Zwischenseminar. 

Das Zwischenseminar findet nach etwa 6 Monaten statt und ist nach dem Vorbereitungsseminar vor Beginn des Freiwilligendienstes der zweite Zeitpunkt bei dem sich alle Freiwilligen der Organisation offiziell wiedertreffen. Schwerpunkt unseres Seminars war die gegenseitige Vorstellung unserer Projekte, die besten Momente unserer Arbeit, die größten Schwierigkeiten und Lösungsmöglichkeiten für die übrige Zeit im Projekt. 

Zwischenseminar

Einen Tag vor dem Seminar kamen die Freiwilligen aus Johannesburg bei uns in der Lynton WG an. Hana, Dshamilja und ich sind an dem Abend noch zu einem Auftritt von einem unserer Freunde gegangen. Jacky und Clay sind ein DJ Duo, die einen Mix aus Techno, House und Elektronik spielen. Leider sind die beiden noch nicht so besonders bekannt, aber ich bin, obwohl ich bei Techno immer skeptisch bin, mittlerweile echt Fan von ihrer Musik. 

Ihre Facebook Seite heißt: Sons of Zenith

Ausblick auf den Lion’s Head. Hana, Dshamilja und ich gehen öfters abends am Strand picknicken und genießen die schönen Sonnenuntergänge

Das Event an dem Abend war leider nicht so gut besucht, weshalb wir auch recht früh gegangen sind. Am nächsten Morgen musste ich bevor uns zwei Taxi Busse abgeholt haben erst noch unser Mietauto umparken. Es eine Woche vor unserer Haustüre geparkt zu lassen, wäre doch etwas zu unsicher gewesen. Und noch einen Autodiebstahl brauche ich wirklich nicht. Das Auto von meinem Mitbewohner, ein weißer Baki, wurde ja vor ein paar Wochen einfach in der Nacht gestohlen. Und das obwohl er eine Lenkradverriegelung, eine Kupplungssicherung und ein Schloss hatte. Genau aus diesen Gründen habe ich meine Arbeitsstelle gefragt, ob ich das Auto auf ihrem eingezäunten Parkplatz parken darf. Nach gefühlt zehn Emails und fünfmal hin und hertelefonieren, hatte ich dafür dann auch die offizielle Erlaubnis. Im Bus zu unserem Zwischenseminar habe ich dann erst einmal nochmal geschlafen. 

Wortelgat Outreach Trust

Wortelgat, der Ort, bei dem unser Zwischenseminar stattgefunden hat, ist ein christliches Campinggebiet in einem Naturreservoir in der Nähe von Hermanus. Auf unserer Hinfahrt hatten wir erstmal Probleme das Gebiet zu finden, da es wirklich so weit abgelegen ist. Die Gründungsidee von Wortelgat, das von dem Afrikaans-Wort übersetzt Karottenhöhle bedeutet, entstand im Jahr 1997. Damals hatte George Fehrsen das Gelände entdeckt und beschlossen das Gelände zu einem christlichen Campinggebiet und als Konferenzzentrum umzugestalten. Dennoch sollte auch die besonders schöne Natur und Landschaft angemessen geschützt werden. So entstanden die ersten Ferienhäuser auf dem Gelände rund um die Lagune. Die Idee ist, durch christliche Werte inspiriert, jedem den Aufenthalt in Wortelgat zu ermöglichen. So gilt zum Beispiel, wenn ein Haus gebaut wird, muss sich der Besitzer damit einverstanden erklären, dass das Haus in der Zeit, in der der Besitzer nicht dort lebt, den Gästen Wortelgats zur Verfügung gestellt wird. Neben diesem Grundsatz gelten noch mehrere andere Regeln auf dem Gelände. Zum einen herrscht Alkoholverbot, sowie Rauchverbot an bestimmten Plätzen. Außerdem wird der gesamte Strom, außer die Warm- Wasser Aufbereitung, durch Sonnenenergie gewonnen. Bei Regenwetter hat man dann also ziemlich schlechte Chancen auf Strom.

Wir hatten als Seminargruppe mehrere Häuser zur Verfügung. Eines in dem wir unsere Treffen abgehalten haben und dann je 8-10 Seminarteilnehmer in einem Haus. 

Das Haus, in dem ich mir ein paar anderen Mädchen gewohnt habe, hatte ein super gemütlich eingerichteten Wohn und Esszimmer Bereich mit offener Küche. Es gab ein kleines Bad und 4 Zimmer. Mein Zimmer hatte eine offene Glasfront mit Blick zur Lagune. Das war wirklich sehr schön. 

Jeden Morgen bin ich während dem Seminar erstmal eine Runde laufen gegangen, habe die Ruhe total genossen und habe mit ein paar anderen der Freiwilligen Yoga gemacht. Es war super schön, so in den Morgen zu starten. Ich habe mich total frei gefühlt und hatte eine sehr bedenkenlose Zeit in Wortelgat. 

Eines meiner Lieblingsbilder und der beste Platz um eine Runde Yoga zu machen in Wortelgat.

Eine Sache die mir besonders gefallen hat: Ich habe nie mein Zimmer abschließen müssen, ich musste nicht Angst haben, während ich alleine unterwegs war, ich konnte alleine im Dunkeln herumlaufen. Alles hat sich so befreiend angefühlt dort. Mir hat diese Freiheit sehr gut getan. Kapstadt kann da schon manchmal sehr einschränkend wirken. Vor allem am Anfang meines Jahres hier, hatte ich oft das Gefühl eingesperrt zu sein. Dieses Gefühl war ich bisher einfach nicht gewohnt gewesen. 

In Wortelgat war die einzige Gefahr, die ich in der ganzen Zeit gesehen habe eine kleine bunte Schlange gewesen, die sich aber auch ganz wieder schnell versteckt hat.

An einem Nachmittag sind wir ans Meer gelaufen, das nur etwa eine halbe Stunde weit weg entfernt war. Am Strand haben wir dann einen toten Hai entdeckt. Ich habe noch nie einen frei lebenden Hai gesehen. Und um ehrlich  zu sein, habe ich mir Haie immer größer vorgestellt. Der, den wir da gefunden hatten, sah im Gegensatz zu meiner Vorstellung recht klein aus. 

Der tote Hai am Strand

Während wir natürlich auch viel freie Zeit hatten, in der wir noch mehr Ausflüge zum Meer gemacht haben, Kayak gefahren sind, ein Feuer gemacht haben und Spaziergänge bei Vollmond, haben wir uns in der Woche intensiv mit unseren Schwierigkeiten bei der Arbeit als Freiwillige auseinandergesetzt. 

Einen Freiwilligendienst zu machen, eine einem anderen Land ist super toll, eine geniale Erfahrung und definitiv empfehlenswert, trotzdem ist es nicht so leicht und rosig wie es sich vielleicht immer anhört. Ja da geht sie eben einfach mal nach Kapstadt, ist ja wie Urlaub und dann hilft sie da eben ein bisschen so  in einer Einrichtung… so oder so ähnliche Meinungen habe ich tatsächlich schon öfter gehört. 

Zweifel

Zum Glück weiß ich es mittlerweile besser und kann sagen: manche Tage gehen vorbei und ich denke mir, wie schön ich es doch habe und wie dankbar ich bin, dass ich in einer Stadt wie Kapstadt leben darf. Jeden Tag Sonne, Meer, Berge und tolle Menschen. Es fühlt sich wie Urlaub an. Und dann gibt es diese Tage an denen ich der Armut ins Gesicht blicke. Menschen, die angeschossen oder verprügelt am Straßenrand liegen, meine Nachbarn, die Obdachlose sind und denen jetzt sogar ihr Zelt geklaut wurde und sie nur noch mit einer Plastiktüte und Decke gegenüber auf dem Gras schlafen, Häuser, die aus verrostetem Wellblech gebaut wurden, in die es reinregnet und windet und die kein fließend Wasser haben geschweige denn vor Wind und Kälte schützen. Ich habe hier noch viel mehr erschreckendes gesehen. An manchen Tagen möchte ich einfach nur weinen. Aber dann denke ich mir wieder, was bringt es wenn ich bei allem mitfühle? 

Klar kann ich nicht die Welt retten, obwohl ich das wirklich gerne würde, und klar ist auch, dass ich alleine mit meiner Freiwilligenarbeit keine Weltwunder bewirke. Ich habe oft schon in diesem Jahr gezweifelt, ob meine Arbeit hier überhaupt erwünscht ist und, ob es nicht eher wahnsinnig arrogant ist, als Deutsche hierherzukommen und zu meinen „helfen“ zu müssen. Was fällt mir ein mich in andere Angelegenheiten einmischen zu wollen? Ist meine Hilfe überhaupt erwünscht? Oder sollte ich nicht wieder sofort den nächsten Flieger zurück ins sichere und stinkreiche Deutschland nehmen und mich um meine eigenen Probleme kümmern? 

Wie privilegiert bin ich eigentlich, dass ich es mir aussuchen kann dass ich mir aussuchen kann in welchem Land, welche „Probleme“ ich „lösen“ möchte? 

Solche Fragen stelle ich mir seit meiner Ankunft täglich. Meine Arbeit hat mir gezeigt, dass meine Meinung oft nicht erwünscht ist, ich soll nicht so „deutsch“ sein, nicht belehren, hier würde man das eben anders machen. Ich hatte viele Zweifel. Wofür mache ich das hier eigentlich? 

Besonders geholfen hat mir der Austausch mit anderen Freiwilligen. Viele meiner „Probleme“ und der Fragen, die ich bei meiner Arbeit habe, erleben die anderen Freiwilligen ebenfalls. Bei den Gruppendiskussionen konnten wir ausführlich über unsere Zweifel und Ängste sprechen. 

Eine Aufgabe während des Seminars war es, unsere Zukunft im Projekt kreativ darzustellen. Meine stelle ich mir in etwa so vor

Lösung

Eine Lösung oder eine Antwort auf all meine Bedenken und Sorgen gibt es im klassischen Sinne zwar nicht, aber ich habe auf jeden Fall neue Ansätze gefunden, die mir helfen mit der Situation besser umzugehen. Eines der Gespräche, das wir während des Seminars gehabt haben, habe ich als Bericht stichworthaltig festgehalten. Ich werde es ebenfalls auf meinem Blog hochladen. Vielleicht schaffe ich es so, einen kleinen Eindruck davon entstehen zu lassen, was sich auf dem Seminar während der Gruppendiskussionen abgespielt hat. 

Ich für mich persönlich habe jedoch festgestellt, dass die zweifelnden Gedanken Teil meines Freiwilligendienstes sind und Teil meines Lernprozesses. Ich finde es wahnsinnig wichtig bei politischen oder gesellschaftskritischen Themen nicht wegzusehen oder in bemitleidendes Verhalten zu rutschen. Viel wichtiger ist es über diese Situation so sachlich und echt wie nur möglich zu berichten, darüber zu reden, hier wie auch, wenn ich wieder zurück in Deutschland bin. Ich habe als Freiwillige eine besonders wichtige und dankbare Aufgabe, die darin liegt Akzeptanz und Toleranz zu erlernen und Verständnis aufzubringen für kulturelle Unterschiede. Nicht alles was ich sehe, erlebe oder auch nicht verstehe, heißt automatisch, dass es schlecht ist. Nicht alles was ich gerne ändern oder „retten“ würde, muss gerettet werden. Ich bin weder ein Moralaposteln noch Mutter Theresa, aber ich bin eine von vielen, die die Möglichkeit haben, ihren eigenen persönlichen Horizont zu erweitern und dieses Wissen an Menschen weiterzugeben, Verständnis und Bewusstsein schaffen und dankbar sein. Dankbarkeit zeigen für ein Leben in Sicherheit. Aufklären und ermutigen: Ein Jahr Arbeit im sozialen Bereich verändert nicht eine ganze Gesellschaft, ich komme mir oft unerwünscht vor, aber was am Ende zählt sind die kleinen Momente und die Menschen, bei denen die Hilfe ankommt. Und manchmal ist Hilfe auch einfach nur Da-sein oder Zuhören. Zeigen, dass man auf einer Wellenlänge ist, an einem Strang zieht und sich nicht als Besserwisser aufspielen will. 

Wen es interessiert, was die anderen Freiwilligen dazu meinen, der sollte sich unbedingt der Bericht zu unserer Diskussion durchlesen. Das Thema und die Fragen rund um wie sinnvoll ist mein Freiwilligendienst eigentlich wirklich, ist wirklich sehr spannend. Es gibt genau dazu auch einen kurzen Dokumentarfilm, den die deutsche Studentin Annelie Boros 2016 in Kapstadt gefilmt hat. Er trägt den Titel „Fuck white tears“ und ist auch auf Spiegel Online veröffentlicht worden. 

Zurück nach Kapstadt

Auf dem Rückweg nach Kapstadt standen wir erst einmal eine Stunde im Stau, weil es auf der Strecke zu Protesten kam. 

Feuer auf den Straßen vor Kapstadt

Kapstadt und Umgebung hatte in dieser Zeit wieder mit massivem Load sheddingzu kämpfen. 

Load shedding hat sich als „Unwort” in Südafrika etabliert. Man versteht darunter das seit 2008 immer wieder vollzogene geplante Abschalten des Stroms für meist mehrere Stunden in be­stimmten Gebieten des Landes. Grund für die Stromabschaltungen ist der enorme Strom­mangel in Südafrika, entstanden infolge jahrzehntelanger Vernachlässigung dringend not­wen­diger Wartungsarbeiten an Kohlekraftwerken, um deren Kapazität aufrechtzuerhalten. Ziel des Load shedding ist es, einen landesweiten Blackout zu verhindern.

Mehr Informationen dazu gibt es hier: 

https://www.roedl.de/themen/erneuerbare-energien-international/suedafrika-load-shedding-perfekter-absatzmarkt-pv-speichersysteme

Dieses Strom abstellen hat in Südafrika wirklich System. Es gibt Stufen von 1 bis 6, die je nach Bedarf angekündigt werden und nach deren Plänen dann der Strom von einer Stunde am Tag bis hin zu 8 Stunden am Tag einfach abgeschalten wird. Und das im zwei bis drei Stunden Takt. 

Als wir in Kapstadt wieder ankamen, befanden wir uns gerade in Stufe 4, was ziemlich schlecht für uns alle war. Denn abends wird es mittlerweile schon um 19 Uhr dunkel und so hatte ich am ersten Abend gleich mal mit Kerzen und Handytaschenlampe, die ich mit meiner Powerbank aufladen musste, eine romantische Zimmerbeleuchtung.

Mittlerweile ist das Load shedding schon wieder Geschichte, aber wer weiß für wie lange .. 

Kapstadt zu Zeiten, in denen Load shedding noch nicht die Straßenbeleuchtung ausgeschalten hat

Einziges Problem dieser ganzen Strom Geschichte auch nach dem Abschalten hatten wir zwei Tage lang überhaupt keinen Strom, von Internet ganz zu schweigen. Als wir dann den Kundendienst angerufen haben, hat der uns nur weiter vertröstet und gemeint das dauere eben noch ein Wochenende. Geduld, noch so eine Eigenschaft die in diesem Land überlebenswichtig ist. 

Lynton Zoo

Als Höhepunkt unserer Rückkehr habe ich am zweiten Abend festgestellt, dass wir mittlerweile in unserer Küche einen kleinen Zoo halten. Ich hatte mich schon gewundert woher die seltsamen Knabber-Geräusche kommen, die ich plötzlich hinter unserem Schrank gehört habe. Plötzlich stellte sich also raus, dass da hinter unseren Küchenschränken eine Ratte lebt, die sich durch ein Loch in unserer Hauswand Zugang beschafft hat. Als wir das Loch mit einer Metallplatte verschlossen hatten, habe ich mich erstmal entspannt.. 

Zu früh gefreut, denn der Lynton Zoo hat jetzt auch noch Mäuse bekommen. Ich hatte mich schon schwer gewundert, wer meine Karotten in meinem Schrank immer anknabbert, da haben Hana und ich eine kleine Maus in unserem Vorratsschrank gefunden. Ich glaube so langsam sollten wir wirklich Eintrittsgelder einfordern, bei so vielen Tieren. 

Eingang in den Lynton Zoo, haben auch einen Botanischen Garten

Nur noch zwei Wochen, dann bekomme ich Besuch von meiner Familie. Ich freue mich sehr.

Vielen, vielen Dank für das Interesse und das Lesen bis zum Schluss. 

Herzliche Grüße, 

Valentina 

Südafrikanischer Sommer

Ein verspätetes Hallo aus Kapstadt, 

die letzten Wochen sind so schnell vergangen, ich hatte mir jeden Tag vorgenommen einen Februar Bericht zu schreiben, aber bin einfach nicht so richtig dazugekommen. Dafür aber jetzt einen ausführlichen Einblick in meinen Februar hier in Kapstadt. 

Kapstadt in Flammen

Anfang Februar gab es die ersten Meldungen von Bränden um den Signal Hill und Lion’s Head in Kapstadt. Was anfangs nur ein kleiner Waldbrand war, hat sich innerhalb weniger Tage in ein größeres Feuer entwickelt, das sich wegen der wahnsinnigen Trockenheit schnell auf den Stadtrand der Stadtteile Sea Point und Camps Bay ausgeweitet hat. Mehrere Tage war das Feuer nicht wirklich gelöscht, aber dank der Einsatzkräfte der Feuerwehr gut unter Kontrolle. Trotzdem waren die Bilder schockierend und als ich einen Abend mit dem Taxi in der Nähe des Brands unterwegs war, habe ich die schwarz verbrannten Baumstumpfe am Fuß des Lion‘s Heads sehen können. Es ist Wahnsinn was ein Feuer alles für Schäden anrichten kann und ich bin sehr froh, dass weiter nichts passiert ist. 

Sea Point in Flammen
Brand am Rand Kapstadt

Die Gründe für das Feuer sind eine Kombination aus der Trockenheit, es regnet einfach sehr selten in Kapstadt im Sommer, dem starken Wind, der sich permanent dreht, sodass es den Einsatzkräften schwer fällt das Feuer unter Kontrolle zu bringen. 

Schwierig ist es natürlich auch auf Grund des Wassermangels in Kapstadt das Feuer zu löschen. Mehrere Tage lang habe ich die Hubschrauber mit Meerwassertonnen zum Brand fliegen sehen. 

Wassernot

Der ein oder andere hat sicher schon von dem extremen Wassermangel in Kapstadt gehört. Vor allem im letzten Jahr waren nach einer monatelangen Dürre extreme Wasserknappheit, Anstieg des Wasserpreises und Restriktionen des Wasserverbrauchs die Folge. 

Ein kurzer Einblick in die Vereinbarungen, die Kapstadts Regierung in Folge der Wassernot getroffen hat:

Vor dem 1. Dezember 2018 wurde der Wasserverbrauch auf  70 l pro Tag, pro Person beschränkt. 

Zur Veranschaulichung, hilft die folgende Tabelle: 

Wassernutzung bei.... Wasserverbrauch in Litern
2 Minuten Dusche Ca. 20l 
ToilettenspülungCa. 9l pro Spülgang
Zähne putzenCa. 0,25l pro Tag
Eine Waschmaschinenladung(abhängig vom Waschgang und Waschmaschine)Ca. 70l pro Waschladung
Abspülen (von Hand, ein volles Waschbecken)Ca. 9l pro volles Abspülbecken
Kochen (inkl. Waschen von Obst und Gemüse, Nudelwasser, etc.)Ca. 2l pro Tag

Mehr Informationen gibt es hier: https://coct.co/thinkwater/calculator.html

Seit dem 1. Dezember 2018 gilt eine neue Höchstgrenze von 105 l Wasser pro Tag pro Person. 

Wer einen zu hohen Wasserverbrauch hat, zusammengerechnet aus der Anzahl, der im Haushalt lebenden Personen und der vorgeschriebenen Höchstmenge, muss ein Bußgeld zahlen. Dieses Bußgeld ist wiederum anhängig von dem jeweiligen Stadium der Wasserknappheit.

Jeder Bewohner wird aufgefordert verantwortungsbewusst mit Wasser umzugehen, um die Zukunft der Wasserversorgung in Kapstadt nicht zu gefährden.

Vor dem 1. Dezember wurden die Unternehmen dazu aufgefordert 40% weniger Wasser zu verbrauchen mit Androhung von Bußgeldverfahren. Diese Restriktionen wurden im Dezember aufgehoben, dennoch sind alle Unternehmen dazu aufgerufen wassersparend zu handeln. 

Eine genaue Auflistung der Wasserregulierungen stellt die Regierung Kapstadts auf der folgenden Webseite zusammen: 

https://www.capetown.gov.za

Wasser sparen

Sparsam mit Wasser umzugehen, gilt grundsätzlich für jeden. Doch um ehrlich zu sein, habe ich in Deutschland nie besonders auf meinen Wasserverbrauch beim Toilette spülen, Abwasch oder Kochen geachtet. Klar das Duschen habe auch ich immer so kurz wie möglich gehalten, aber wenn ich ehrlich bin, stand ich auch im Winter auch gerne mal 2 Minuten länger unter der heißen Dusche ohne mir wirklich Gedanken zu machen, wie viel Wasser ich damit jetzt verschwende. 

Es gibt hier eine Regel, die in allen öffentlichen Toiletten mit einem Plakat an der Wand aufgehängt wird: 

„If it’s yellow let it mellow, if it’s brown flush it down.”

Im Grunde genommen bedeutet dieser Satz, dass man nicht unbedingt bei jedem Toilettengang spülen muss, sondern nur wenn unbedingt „nötig“. 

Um Wasser zu sparen gibt es verschiedene Systeme, Ideen und Methoden, von denen der „If it’s yellow..“- Satz nur eine ist. 

In unserer WG zum Beispiel sparen wir Wasser mit dem sogenannten bucket system(deutsch: „Eimer-System“). Dabei sammeln wir all das Wasser, das wir beim Duschen benutzen oder bei der Benutzung der Waschmaschine, indem wir es mit einem Eimer auffangen und dann in den Toilettenspülkasten schütten. Dieses „graue Wasser“, wie es hier genannt wird, reicht zwar völlig aus um die Toilette zu spülen, trotzdem ist es manchmal eine nicht ganz so hygienische Angelegenheit, wenn wir mit dem stinkigen Wasser in Eimern, durch das ganze Bad laufen müssen. 

Graues Wasser, das in einer großen Wanne während dem Duschen gesammelt wird

Definitiv eine sparsame Methode, wenn man beachtet wie viel Wasser bei nur einer Toilettenspülung (ca. 9l) verbraucht wird. 

Unser Bad steht also voll mit Eimern und neben unserer Waschmaschine steht eine große schwarze Tonne, die durch den Schlauch, der von der Waschmaschine in die Tonne führt, das ganze Wasser auffängt, das während dem Waschgang benutzt wird. 

Später wird das Wasser dann in den Spülkasten geschüttet

Eine weitere Methode, die oft in Hotels oder Gästehäusern durchgeführt wird, ist das Duschlied. 

Dabei wird ein Lied abgespielt, etwa 2-3 Minuten, um denjenigen unter der Dusche daran zu erinnern, kurz zu duschen und nach Ende des Lieds, die Dusche wieder auszudrehen. 

In manchen Restaurants, Clubs, Flughäfen oder anderen öffentlichen Einrichtungen gibt es kein richtiges Handwaschbecken mehr. Wenn man Glück hat gibt es lediglich einen kleinen Wasserhahn, der nur Wasser sprüht. Dadurch wird beim Händewaschen ohne fließenden Wasserstrahl enorm an Wasser gespart. Wenn man allerdings Pech hat, wird das Handwaschbecken komplett durch einen Desinfektionsspender ersetzt. Ich habe dadurch eines gelernt: fließendes Wasser ist wirklich Etwas sehr kostbares. 

Bei meiner Arbeit hat sich seit dem letzten Jahr auch eine Wassersparende Methode etabliert: 

Seit der letzten Wasserknappheit biete Siyakwazi, das Team mit dem ich arbeite, eine wasserfreie, ökologische Autowasch Aktion an. 

Autos werden dabei nur noch mit verschiedenen Chemikalien in Sprühflaschen geputzt. Es gibt verschiedene Chemikalien für die verschiedenen Autoteile. So werden die Außenverkleidung mit einem anderen Mittel geputzt und poliert als zum Beispiel, das Lenkrad und die Armatur innen. 

Generell ist leider die Wasserqualität des Leitungswassers besonders schlecht hier. Gleich zu Beginn meines Aufenthalts, hatte ich öfters Magenprobleme, die sich definitiv auf das Wasser aus unserer Leitung in der Lynton WG zurückführen lässt. Anfangs dachte ich, das sich mein Körper wohl einfach nur dran gewöhnen müsste, aber als das Wasser dann teilweise auch eine weiße Farbe oder manchmal auch eine bräunliche Verfärbung angenommen hat und auch meine Hausmitbewohner über Bauchschmerzen geklagt haben, habe ich für mich beschlossen, dieses Wasser nicht mehr zu trinken. Ich koche seitdem mein Wasser immer ab und hatte auch seitdem keine Probleme mehr.

Kunstmuseum Zeitz MOCAA  (Museum of Contemporary Art Africa)

Aussicht auf den Tafelberg vom Dach des Museums

Der Wassermangel ist eines der Themen, die im Museum der zeitgenössischen Kunst aufgegriffen werden. Neben Frauenrechten, Armut, Rassismus und Kritik am Simbabwe Regime, einem der Nachbarländer Südafrikas, werden aber auch viele weitere politische Themen mit Hilfe moderner Kunst thematisiert. 

Faszinierendes Künstler

Besonders beeindruckt haben mich die Werke von Athi-Patra Ruga, einem Video und Fotografie Künstler mit Blick auf die Homosexuellen Szene in Südafrika und deren Geschichte. Am eindrucksvollsten war seine Fotografie-Serie mit dem Namen „The knight of the long knives“.

Hier ist das Werk und der Künstler zu finden: https://zeitzmocaa.museum/artists/athi-patra-ruga/

Auf den 230x150cm großen Fotodrucken ist eine surrealeDschungellandschaft zu sehen. Im Hintergrund befinden sich auf allen drei Bildern der Serie große Farnpflanzen, bunte Blüten und andere exotische Gewächse. Links und rechts des Bildrandes sind auf allen drei Bildern jeweils bunt verkleidete Menschen mit Speeren in der Hand zu sehen. In der Bildmitte befindet sich jeweils, je in unterschiedlicher Pose und von verschiedenen Blickwinkeln aus betrachtet, eine Person mit pinker Strumpfhose und hohen schwarzen Schuhen mit Absatz. Ihr Oberkörper wird auf Bild 1 und Bild 3 von bunten Luftballons verdeckt. Auf Bild 2 ist der Oberkörper der Person auf Grund von einer gelb, grünen Flagge verdeckt. 

Dadurch ist es dem Betrachter nicht möglich zu erkennen, wer sich hinter den Luftballons befindet.

Mit seinen Werken sensibilisiert Ruga den Betrachter für die heteronormative Geschichte Südafrikas und kritisiert die binäre Geschlechterordnung im Kontinent Afrika, in der Homosexualität keinen Raum hat.

Interessant ist auch seine Namensgebung: „The knight oft he long knives“ zeigt eine Parallele zum englischen Namen der Nacht der langen Schwerter (zu englisch: “The night oft he long knives), auch als Operation Hummingbird oder der Röhm-Putsch bekannt. 

Mich haben noch zwei weitere Künstler wegen ihrer Geschichte und ihren Kunstwerken sehr beeindruckt: 

Thakor Patel ist ein in Indien geborener Künstler, der im Alter von 48 nach Simbabwe gezogen ist. Der Mixed Media Künstler arbeitet viel mit geometrischen Formen und Strukturen, die seine Werke harmonisch wirken lassen. Heute lebt Patel in den USA, nachdem er fast 40 Jahre in Simbabwe gelebt hat. 

Portia Zvavahera, ebenfalls eine Künstlerin aus Simbabwe, die mit einer Mischung aus Ölfarben und Tinte ätherische, spirituelle Frauenfiguren malt. In einem ihrer Kunstwerke „What I saw“ (2016) ist beispielsweise eine Frauenfigur zu sehen, die von einer Kreatur mit Flügeln angegriffen und gleichzeitig von einer engelsähnlichen Figur beschützt wird. 

Kapstadt Tipp

Ich kann jedem, der sich für Kunst interessiert nur ans Herz legen, bei der nächsten Reise nach Kapstadt auch unbedingt einen Tag für das MOCAA einzuplanen. Es werden dort so viele spannende und wichtige Themen aufgegriffen und auf verschiedenste Art und Weise thematisiert. Auch die Architektur des Museums selbst, ist eine Kunst für sich. Denn das MOCAA war früher ein großer Getreidespeicher, das erst im Jahr 2017 eröffnet wurde. Nach vier Jahren Planung und Umbau, gilt es heute als das weltweit größte zeitgenössische Museum afrikanischer Gegenwartskunst. 

Parlamentseröffnung 

Am 07.Februar wurde in Kapstadt auch das Parlament wiedereröffnet. Die alljährliche Parlamentseröffnung in Südafrika ist ein großes Event. Ich bin an diesem Tag zufällig durch das Regierungsviertel gelaufen und habe die lange Militärparade und das hohe Polizeiaufgebot dadurch mitbekommen. Alle politischen und diplomatischen Amtsinhaber/-innen zeigen sich an diesem Tag in Roben und man wartet gespannt auf die Rede des Präsidenten. Der Themenschwerpunkt liegt auf den großen Herausforderungen des Landes und deren politischen Lösungen.

Wer im letzten Jahr die Nachrichten um Südafrikas Ex-Präsidenten Jacob Zuma verfolgt hat, dem ist bekannt, dass dieser sich über Jahre an den Geldern des Staatshaushalts bereichert hat. Im letzten Jahr enthüllten Emails und investigative Berichterstattung schockierende Details über das Ausmaß an Selbstbereicherung und Korruption im Kreis um Zuma. Seit dem 15. Februar 2018 ist Cyril Ramaphosa der amtierende Präsident in der Republik Südafrika. Er gehört ebenfalls der ANC Partei an, der auch bereits Zuma angehörte.   

Südafrikas Parteiensystem       

Die ANC Partei, African National Congress, gilt als die in der Widerstandsbewegung gegen das Apartheid Regime dominierende Partei, die sich in ihrer Gründungszeit hauptsächlich um die Wahlrechte von Schwarzen und Coloureds (Menschen mit „coloured“ Hautfarbe, ich weiß leider nicht, wie man das jetzt politisch korrekt ausdrückt ohne jemanden in seiner Zugehörigkeit zu beleidigen) einsetzten.  

Neben der Parlamentseröffnung, die jedes Jahr im Februar stattfindet, ist dieses Jahr noch eine weitere politische Besonderheit. Am 8. Mai wählt Südafrika eine neue nationale Regierung und neue Provinzregierungen in jeder der neun Provinzen. Dies ist die sechste Wahl nach Ende des Apartheidregimes 1994 und somit ein wichtiger Schritt in ein demokratischeres Südafrika. Überall hängen deshalb schon Wahlplakate der ANC, EFF und der DA, den drei größten Parteien in Südafrika. 

Auch einige meiner Trainees aus dem Workshop sind als Wähler registriert. Als ich sie neulich gefragt habe, ob sie zum Wählen gehen und wen sie wählen wollen, waren viele der Ansicht, dass ihre Wahl sowieso nicht zählt. Diese Meinung teilen übrigens viele der Südafrikaner und gehen deswegen nicht zur Wahl. Für mich ist das unvorstellbar. Um eine Demokratie überhaupt erst einmal aufbauen zu können, benötigt man die Teilnahme der Bevölkerung. Ich habe daraufhin mit den Trainees ein bisschen etwas über Demokratie im Allgemeinen und Politik in Südafrika diskutiert. Später meinte dann einer der Trainees zu mir, er würde gerne die EFF wählen, weil die seine Kultur am besten beschreibt. Wer noch nie von den Economic Freedom Fighters gehört hat, sollte sich unbedingt dieses Video anschauen, das im letzten Jahr während der Regierungszeit Zumas entstand:

Ich finde das Video, indem ein Ausschnitt aus einer Parlamentssitzung im Juli 2018 gezeigt wird, fasst die politische Situation Südafrikas sehr gut zusammen. Ich halte es für sehr schwierig eine Regierung zu finden, die den vielen verschiedenen Kulturen in Südafrika, der sogenannten Regenbogennation… gerecht werden kann. Unmöglich ist es aber sicher nicht. Ich wünsche es mir auf jeden Fall, dass Südafrikas Bevölkerung endlich eine Regierung bekommt, die es schafft eine weitestgehend gerechte Regierung für alle Südafrikaner zu finden.

In diesem Sinne, schöne Grüße aus Kapstadt, 

Valentina  

Complements of the season

„Complements of the season to you all.“ 

Das Südafrikanische Sprichwort für „Frohe Weihnachten und ein gutes Neues Jahr“ gefällt mir richtig gut. Nachdem ich am letzten Montag zurück zum Arbeiten in den Workshop gekommen bin, hat mich jeder meiner Kollegen mit diesen Worten begrüßt und auch ich habe irgendwie angefangen meine Trainees, die ich seit über einem Monat nicht mehr gesehen habe, mit „Complements of the season“ zu begrüßen. Vielleicht nehme ich dieses Sprichwort einfach mit nach Deutschland, gefällt mir wirklich besser als unser deutsches „ Frohe Weihnachten“.

Nach einem Monat wieder zu arbeiten anzufangen hatte neben früher aufstehen und dreckigen Klamotten nach der Arbeit auch seine guten Seiten. Ich habe mich sehr gefreut meine Trainees wieder zu sehen und bin froh, dass bis auf zwei auch alle zurück zum Workshop gekommen sind. 

Ich hatte den Wertstoffhof ja auch fast schon ein bisschen vermisst.

Schade finde ich, dass nicht so richtig nachgeforscht wird, warum die Trainees nicht zurückkommen oder wo sie sind. Klar verstehe ich, dass das auch mit ein wenig Aufwand verbunden ist, aber ich würde eigentlich gerne wissen wollen, warum die Trainees nicht kommen. So wie ich das eben auch von Kollegen wissen wollen würde. Das ist eines der Dinge, die mich an meiner Arbeit ein bisschen stören.

Von den Trainees wird jeden Tag verlangt, fleißig und konzentriert zu arbeiten, aber manchmal habe ich das Gefühl wird sich dabei nicht richtig um die Trainees persönlich gekümmert. Eher selten gibt es Lerneinheiten für die Trainees, aber generell wird nicht so richtig auf ihre Behinderungen oder Beeinträchtigungen eingegangen. Von den meisten meiner Trainees kann ich nicht sagen, was genau für eine Behinderung sie haben.  Und damit meine ich auch, dass sobald der Workshop um 16:30 Uhr schließt, sich keiner meiner Arbeitskollegen mehr um die Trainees sorgt, wie sie zum Beispiel nach Hause kommen, oder ob sie sicher sind auf ihrem Heimweg. Ich habe manchmal das Gefühl, dass sich niemand so richtig Zeit nimmt oder nehmen kann, um sich mit den Trainees zu unterhalten. Im Workshop, wenn ich sonst nicht wirklich was zu tun habe, setze ich mich zu den Trainees und arbeite mit ihnen oder frage sie, was sie nach der Arbeit noch machen. Manche erzählen mir von ihren Familien oder wir reden über ihre Hobbys. Einer der Trainees spricht am liebsten über Autos, in allen Formen und Farben und er kennt auch so ziemlich alle Automarken und Typen und fragt mich regelmäßig, ob man denn in Deutschland wirklich auf der anderen Straßenseite fährt. 

Es ist so schade, dass meine Kollegen für solche Gespräche wenig Zeit finden, ich finde das so wichtig, gerade bei Menschen mit Behinderung. Dabei sitzen viele meiner Kollegen (ohne jetzt angreifend wirken zu wollen) manchmal nur im Office rum und googlen irgendwelche unwichtigen Dinge oder sind auf Facebook. Es herrscht an meinem Arbeitsplatz eine ganz andere Arbeitseinstellung als ich die aus Deutschland kenne und ich muss mich schon öfters daran zurückerinnern, dass es hier eben ein bisschen anders läuft.

Vielleicht ist es an dieser Stelle nochmal wichtig, klarzustellen, dass ich hier lediglich meine Erfahrungen teile, die ich in Kapstadt erlebe. Südafrika ist jedoch so facettenreich und vielfältig und es ist wahnsinnig schwer das alles in Worte zu fassen. Ich versuche natürlich zu vermeiden, dass ich von „dem“ Südafrika spreche oder zu verallgemeinern. Ich hoffe und wünsche mir, dass ich es schaffe, einen relativ ausführlichen Überblick über Südafrika zu liefern, aber ich weiß auch, dass es mir nicht möglich ist, neutral zu berichten. Meine Berichte dienen schließlich dazu, über meine Erfahrungen und Erlebnisse zu berichten und meine Meinung zu manchen Dingen loszuwerden. Ich bin mir bewusst, dass es andere Meinungen und Sichtweisen auf die Themen gibt, die ich beschreibe und vertraue darauf, dass das jedem, der meine Texte liest ebenfalls bewusst ist. Mir war es einfach nochmal wichtig das klarzustellen, da ich ja doch recht subjektiv von manch meiner Erfahrungen schreibe und ich auf keinen Fall irgendjemanden oder irgendeine bestimmte Kultur angreifen möchte. Den Teil Südafrikas, den ich für dieses Jahr bereisen darf, finde ich auf der einen Seite wunderschön und sehenswert, aber auch interessant und teilweise gefährlich. Ich rate also jedem einmal fuer längere Zeit nach Kapstadt zu reisen, da ich hier so viel Tolles erlebe und wahnsinnig viel für mich persönlich lerne.  

Zurück zu meiner Arbeit im Workshop. In der ersten Woche nach den Ferien hatte Siyakwazi (meine Arbeitsgruppe) nur die Aufträge von den anderen Workshops von Cape mental Health. Wir waren also am Dienstag in Retreat, um dort die Fenster zu putzen und das Gras zu mähen, am Mittwoch in Mitchell’s Plain und Khayelitsha und am Donnerstag dann im Garden Cottage in Heideveld. Das Garden Cottage ist eine Wohngruppe für ein paar Frauen aus meinem Workshop. Dort wohnen aktuell etwa 6 Frauen mit verschiedenen Behinderungen und immer einem Betreuer, der für sie kocht und im Haushalt mithilft. Mir gefällt das kleine Haus mit Garten total gut, es ist so gemütlich eingerichtet und hat einen sehr großen Garten im Kapstadt-Vergleich. Am Freitag sind Russell und ich dann zusammen Fensterglas kaufen gegangen. Zwei Gläser sind nämlich aus dem Fensterrahmen gebrochen in unserem Workshop. Die werden wir dann nächste Woche reparieren. 

Die Trainees haben sich total gefreut wieder zu arbeiten und alle ihre Freunde und Kollegen wiederzusehen. Ich habe mich dadurch auch gleich willkommen gefühlt. 

Während wir im Garten gearbeitet haben, kam dann eine Autokutsche auf der Straße vorbei. Ein halbes Auto mit einem Pferd vorne angespannt.

Die Sommerferien in Südafrika finden Ende Dezember bis Mitte Januar statt, weshalb auch das Schuljahresende und der Schulanfang des neuen Schuljahres in diesen Zeitraum fallen. Das hatte für den Workshop zur Folge, dass viele der Schulabgänger der Mary-Harding Schule (eine Schule für geistig und körperlich behinderte Kinder und Jugendliche), ein Gebäude gleich nebenan, nun zu uns in den Workshop gekommen sind. Wir haben also im Arbeitsbereich an den Tischen ganz viele neue Gesichter und es ist schön zu sehen, wie unser Workshop wächst und wächst. Am allermeisten freut es mich immer wie hilfsbereit die Trainees miteinander umgehen. Es kommt selten vor, dass sich jemand streitet und auch wenn, dann niemals weil sie sich wegen ihren Behinderungen beleidigen. Gerade jetzt, wenn es so viele Neue gibt, erklären die Trainees sich gegenseitig was sie zu tun haben und wie alles im Workshop abläuft. 

Diese bunten Bänder werden aufgerollt und dann mit einem Draht verknotet bevor sie wieder an den Auftraggeber zurückgeschickt werden.

Nach dem Arbeiten am Freitag waren Hana und ich auf eine private Houseparty in Hout Bay eingeladen. Einer unserer Freunde wird am Montag 21 und ich habe jetzt schon öfters mitbekommen, dass viele hier ihren Geburtstag einfach am Wochenende davor feiern. Ich kenne das so, dass Glückwünsche vor dem Geburtstag Unglück bringen sollen, aber hier ist das andersrum. Hier feiert man seinen Geburtstag davor, damit das Geburtstagsgefühl und die Vorfreude nicht kaputt gehen und man sich umso mehr auf seinen Geburtstag freut. Denn nach dem Geburtstag wird auch nicht mehr gratuliert. Ist ja dann auch schon vorbei der ganze Geburtstagstrubel und die Party.

Das fertige Produkt, leider habe ich bisher noch nicht rausgefunden für was es verwendet wird.

Wir waren also zu unseren Freunden nach Hout Bay eingeladen, eine reichere Gegend in Kapstadt, in der die meisten Häuser einen etwas größeren Garten haben und oft auch einen Pool.Die Party war super schön. Das Haus hat mir sehr gut gefallen, es gab natürlich auch einen Pool (war aber leider zu kalt zum Schwimmen gehen, weil es an dem Abend nur 17*C hatte) und es wurde gebraaied (Südafrikanisches Grillen). Mindestens fünf unserer Freunde hier aus Kapstadt sind DJs und so haben an dem Abend mehrere Freunde aufgelegt und die Stimmung war sehr entspannt. 

Am nächsten Morgen habe ich den Sonnenaufgang über der Stadt erleben dürfen. Es war super schön. Ein Freund von Hana und mir lebt in einem kleinen Bungalow in Tamboerskloof (der inoffizielle Name hier ist unter den deutschen Kapstaedtern „Sauerkrauthuegel“), dem deutschen Viertel hier in Kapstadt, und hatte uns noch mit ein paar anderen Freunden zu sich eingeladen. Am eindrucksvollsten finde ich immer, wenn sich die Sonne ganz langsam zwischen den Wolken hinter dem Devil’s Peak hindurchschiebt. Die Sonnenaufgänge hier in Kapstadt sind wirklich etwas ganz besonders Schönes und so kitschig meine Beschreibungen auch immer klingen mögen, ich glaube verstehen kann man es erst, wenn man es mit eigenen Augen gesehen hat. Ich bin froh, dass ich noch einige Sonnenauf- und Sonnenuntergänge vor mir habe. 

Sonnenaufgang auf dem Sauerkrauthügel und die Aussicht auf Kapstadt, City Bowl
Unser neuer Lamborghini

Gestern haben wir auch endlich unser Auto abgeholt. Hana, Daniel und ich mieten uns nämlich für die nächsten sechs Monate ein Auto. Es ist ein alter schwarzer VW City Golf. Ein richtiges Schrottauto. In Deutschland hätte man mit dem Auto wohl keine Chance, aber hier ist das eigentlich gar kein Problem, da fast jedes Auto hier schrott ist und auch der Geräuschpegel unseres Motors stört gar niemanden.


Beim Fahren muss man richtig fest auf die Kupplung drücken und auch um in die Gänge zu schalten, muss man die Gangschaltung fast reißen. Die Handbremse ist auch noch etwas gewöhnungsbedürftig, aber das Gefühl dafür wird hoffentlich mit der Zeit noch besser werden. Nach dem Jahr bin ich definitv Anfahr-Profi. In Deutschland habe ich nie gelernt mit Handbremse anzufahren oder ohne Berganfahrassistent. Tja, das gibt es hier leider nicht. Also muss ich wohl oderübel, anfahren lernen. Am meisten freue ich mich jetzt, dass ich flexibler und spontaner sein kann und vor allem eines: ein bisschen freier. Einfach mal abends nach der Arbeit an den Strand fahren oder in die Stadt etwas Essen gehen oder vielleicht auch mal Wochenendausflüge mit den anderen. Nach Stellenbosch zum Beispiel würde ich gerne mal gehen, denn da soll es wunderschöne Weinfarmen geben und auch die Gegend sonst soll richtig schön sein. Außerdem würde ich gerne nach Betty’s Bay fahren oder Simonstown, um die Pinguine von Südafrika zu sehen. Vielleicht schaffen wir es ja sogar nochmal in einen Nationalpark. Die letzte Safari hat mir wirklich gut gefallen. 

Ein paar Bilder aus dem Addo Elephant Park, die Jona und Mila gemacht haben.

Je schneller die Zeit vergeht, desto mehr fällt mir auf wie falsch ich meinen Medikamenten Haushalt berechnet habe. Als ich geflogen bin, hatte ich einen halben Koffer voll mit Nadeln, Teststreifen und Insulin und hatte wirkliche Bedenken, ob das reichen wird. Beim Drittel meines Aufenthalts angekommen, habe ich noch nicht einmal ein Drittel davon aufgebraucht. Wobei ich dazu sagen muss, dass durch meine Arbeit, bei der ich mich ja immer bewege und auch permanent unterwegs aktiv bin, sich mein Insulinverbrauch drastisch reduziert hat. Das merke ich vorallem auch an den nächtlichen Unterzuckerungen, die mich seit ein paar Wochen wieder nachts aufwecken. Es ist ein sehr unschönes Gefuehl mit einer Unterzuckerung nachts aufzuwachen, aber ich versuche gerade wieder meine Basal-Insulin Dosierung anzupassen, sodass mir das nicht mehr so oft passiert. Ist schließlich auch nicht so gesund.. 

Am schlimmsten ist dabei aber ehrlich gesagt immer, dass ich dann nachts in die Küche laufen muss und das versuche ich eigentlich immer so gut es geht zu vermeiden, da die nachts immer von Kakerlaken überlagert ist. Zwar hatten wir vor einigen Wochen die Leute der  Ungeziefer-Kontrolle da. Die haben unser ganzes Haus gesprüht, woraufhin dann plötzlich auch Kakerlaken in dem Bad und leider auch in meinem Zimmer waren. Letzte Woche bin ich mitten in der Nacht wegen einer Unterzuckerung aufgewacht, aber das war noch lange nicht alles: Denn plötzlich höre ich über mir ein Krabbel-Geraeusch und mir fällt kurze Zeit später eine riesige, fette Kakerlake neben mein Ohr. Das war vielleicht eklig. Nachdem ich also in der Küche meine Unterzuckerung behandelt hatte und den ganzen Kollegen des Ekeltieres noch Gute Nacht gewünscht habe, bin ich wieder zurück in mein Zimmer. In mein Bett wollte ich aber nicht mehr so schnell wieder zurück, da ich wirklich Angst hatte, die Kakerlake wieder zu treffen. Ich habe also das Licht wieder ausgemacht (Kakerlaken mögen keine Festtagsbeleuchtung) und gehorcht. Irgendwann habe ich es dann gegenüber leise krabbeln hören. Ich bin also schnell zur Wand gelaufen, mit Handylampe und Tasse bewaffnet und habe versucht diese Kakerlake einzufangen. Als ich sie endlich aus dem Zimmer gebracht hatte (mit samt Tasse habe ich die Kakerlake einfach vor unsere Haustüre gestellt), konnte ich endlich wieder in mein Bett kriechen und weiterschlafen. Das war aber definitiv keine erholsame Nacht mit Kakerlake und Unterzuckerung, das kann ich versichern. 

Tafelberg Road, eines meiner Lieblingsbilder, das nach meiner regnerischen Wanderung auf den Tafelberg entstanden ist

Krabbelnde Grüße aus dem heißen Südafrika (für das Wochenende sind 32*C angesagt), aber dafür ist der Wind auch gerade so stark. Ein Luxus-Kreuzfahrtschiff ist vor dem Hafen Kapstadts festgesteckt seit Donnerstag, weil der Wind so stark ist, dass es weder raus noch reinfahren kann. Ich hoffe ja mal, dass den Schifffahrern nicht der Kaviar ausgeht, das wäre ja wirklich .. schade.. 

Valentina

Auf dem Signal Hill: Das feststeckende Kreuzfahrtschiff vor der Küste Kapstadts während ich mit Freunden mein Abendessen mit wunderschöner Aussicht genossen habe

Neujahr in Kapstadt

Sommerliche Weihnachtsdekoration vor der Pferderennbahn in Kenilworth, Kapstadt

Weihnachten ist schon vorbei und meine Ferien haben begonnen. 

Ich habe bis zum 14. Januar frei und bin von meiner Reise durch Durban über East London und der Garden Route zurück in Kapstadt. 

Im Workshop ging es die letzten Wochen auch nur noch um das Jahresende. Alle meiner Kollegen und auch die Trainees waren sehr aufgeregt und haben sich, wie ich, auf die langen Ferien gefreut. Zum Jahresende gab es eine große Party, die die Mitarbeiter für die Trainees, die im Workshop arbeiten, organisiert haben. Meine Trainees, aus der Siyakwazi Gruppe, haben das Jahresende mit einem Braai (Grillparty) gefeiert. 

Das Eine-Stunde-Hähnchen auf dem klapprigen Stahlgrill

Schon vier Wochen vorher war das einzige Thema über das Russell, mein Supervisor, mit mir gesprochen hat nur noch der End-of-year-braai. Wir haben also geplant und kalkuliert was wir mit dem uns zur Verfügung stehenden Geld für die Trainees kaufen können. 

Letztendlich haben wir 20 Hähnchenkeulen und Hühnerfüße, 15 Stückchen Schweinebauch und 20 Grillwürstchen gekauft. 

Leider gab es wenige Tage vor dem Jahresende einen familiären Zwischenfall in Russells Familie. Somit war ich die letzten drei Tage alleine für meine Trainees zuständig und habe die letzten Vorbereitungen für den Braai organisiert. 

Zusammen mit den Trainees habe ich Holz gehackt, den Grill geputzt, der etwas klapprig auf dem Gelände des Workshops herumgestanden ist, Salate vorbereitet und Töpfe gespült.

Einen Tag vorher habe ich mit der Hilfe von Nabila und Berenice, zwei Trainees aus dem Workshop, das Fleisch mariniert. Dazu haben wir, nach Anleitung von Russell, der wegen des Todesfalls seiner Mutter frei bekommen hatte, das Fleisch in große Plastiksäcke geschmissen, Mayonnaise und eine Art BBQ Sauce ( Lappies Braai Sauce ) dazugegeben und die Hähnchenstückchen und Pork Rachers damit mariniert. Eine ziemlich fettige Angelegenheit. 

Pork Raches mit Lappie Sauce und Mayonnaise
Hähnchenfleisch im Plastiksack und Berenice am Marinieren der Pork Raches

Am letzten Tag des Jahres habe ich mit den Trainees um 9 Uhr morgens das Feuer angemacht und wir haben Musik gehört. Die Trainees haben getanzt, gesungen und gelacht. Wir haben viele Fotos gemacht. Meine Trainees haben die Getränke, die wir von ein paar unserer Klienten des Gartenservices gespendet bekommen haben, gerecht auf alle Becher verteilt und ich habe mir währenddessen per WhatsApp Tipps von meinem Papa in Deutschland geholt, wie ich am besten eine Glut bekomme um mit dem Grillen anzufangen. 

Zum Glück hatten wir so früh begonnen, denn ich als unerfahrener Braai-Master hatte natürlich keine Ahnung, dass das Hähnchen Grillen so lange dauert. Fast eine Stunde hatten wir das Hähnchenfleisch auf dem Grill und da ich auf Südafrikanische Art gegrillt habe, musste ich erst all das Fleisch grillen und in einem großen Topf mit Deckel warm halten. 

Beim Südafrikanischen Braai wird nämlich zuerst das ganze Grillgut gegrillt und erst wenn auch das letzte Stück Fleisch oder die letzte Wurst fertig ist, wird dann zusammen gegessen. 

Wir hatten als Beilage Burger-Brötchen, einen von mir zubereiteten Linsensalat und einen Bohnensalat mit Paprika und Zwiebeln. 

Jeder meiner Trainees hatte sich von Zuhause eigenes Besteck und Teller mitgebracht, manche hatten aber auch einfach alte Eiscreme Boxen dabei oder Plastikteller. Ein, zwei hatten ihre Sachen vergessen oder hatten einfach schlichtweg kein Besteck bei sich daheim, das sie hätten mitbringen können. Zum Glück hatte ich für den Fall noch drei Extra Gabeln und Messer von mir Zuhause mitgebracht. 

Bevor wir angefangen haben zu essen, wurde alles Fleisch verteilt, jeder hatte auch ein paar Fleischstückchen für seine Familie Zuhause eingepackt, ich habe Salat verteilt und Terence, der Team Leader von Siyakwazi hat eine kleine Rede gehalten. Er hat sich bei mir bedankt für das tolle Essen und ein kurzes Gebet gehalten. Dann hat Mark, einer der anderen Trainees, für uns gesungen und wir haben uns alle hingesetzt und zusammen gegessen. 

Weihnachtsdekoration für die End-of-Year Party in meinem Workshop

Allen hat es geschmeckt und ich war sehr froh, dass das Hähnchenfleisch durch war und die Pork Raches nicht mehr blutig. 

Auch wenn ich den ganzen Tag über ziemlich alleine war mit den Aufgaben und dem Organisieren des Braais, ist der Tag gelungen und ich war froh, dass alles so einfach und entspannt abgelaufen ist. 

Ich habe mich trotzdem am Ende des Tages auf meinen Feierabend gefreut und mich müde auf meinen Heimweg gemacht. 

Im Taxi war ich sogar so erschöpft, dass ich mich schon freiwillig auf den Boden gesetzt habe, weil ich dachte es gäbe keinen Sitzplatz mehr. Dabei hatte ich einfach die ganze hintere Reihe übersehen.

Während der Dezembermonat in Deutschland immer mit Kälte, Schnee und Plätzchen backen, verbunden ist, heißt Dezember in Kapstadt Ferienzeit, Sonne und Eis essen. Leider steigt im Dezember auch die Kriminalitätsrate in der Stadt. Ein paar Straßen von meinem Zuhause entfernt wurde vor einer Woche mitten am Tag eingebrochen und auch in der Innenstadt wird es immer unsicherer, weil so viele Touristen unterwegs sind über Weihnachten und Silvester, die leichtes Ziel für Taschendiebe und Kleinkriminelle sind. 

Brücke vor dem Taxi Rank in Kapstadt- Inner city

So schade, denn Kapstadt ist eigentlich so schön im Sommer.

Am ersten Dienstag in meinen Ferien, bin ich mit Hana, Jona und Mila, meinen engsten Freunden und Mitfreiwilligen hier, zusammen in den Urlaub geflogen. Wir hatten uns vorher eine kleine Route zum Ziel gesetzt, die wir dann gemeinsam geplant haben. Jeder von uns hatte sich um einen Teil der Reise kümmern müssen und so war das Flüge buchen, Unterkünfte suchen und Auto mieten recht einfach. 

Am Dienstagmorgen um 4:30 Uhr ging es also für uns los zum Flughafen und kurze Zeit später saßen wir müde und verschlafen im Flieger nach Durban. 

Blick über Durban aus dem Flugzeug

In Durban sind wir erstmal mit dem Uber, dem wohl praktischsten Verkehrsmittel in Südafrika (schade, dass es das noch nicht in Deutschland gibt, zumindest nicht im Raum Stuttgart) zu einem kleinen Café in Strandnähe gefahren und haben Kaffee getrunken und die nächsten Tage geplant. Durban hat einen schönen Leuchtturm am Strand und nachdem wir uns überteuerte Sonnencreme in der Apotheke gekauft hatten, sind wir mit unseren Koffern an den Strand gelaufen. 

Mittagssnack in einem Strandcafé in Durban
Richtige Kopfbedeckung war auch mit dabei, als wir den Leuchtturm besucht haben

Am Nachmittag haben wir alle zusammen eine Touri-Bustour durch Durban gemacht. Ich persönlich finde diese Bustouren zwar ultra touristisch, aber auch sehr praktisch, da man einen guten Überblick über die Stadt bekommt und ohne großen Aufwand alle Sehenswürdigkeiten der Stadt an einem Tag abklappern kann. 

Bei der Bustour hatte ich ein sehr komisches Erlebnis. Während viele Menschen auf der Straße gewinkt haben, als der Bus vorbeigefahren ist, gab es auch ein paar, die geschrien und gepfiffen haben und uns Touristen mit ihren Mittelfingern beleidigt haben. Das obere Deck des Busses war fast ausschließlich voll mit Weißen und auf der Straße hat man selten bis gar keine Weißen spazieren gehen gesehen. Die roten Touristenbusse sind auch in Deutschland Gang und Gebe, aber mir würde beispielsweise niemals einfallen die Touristen zu beschimpfen oder zu beleidigen. An sich ist Tourismus ja etwas Gutes und ich finde es auch schön, wenn sich Menschen aus anderen Ländern für mein Land und meine Kultur interessieren. Natürlich halte ich auch nichts von Massentourismus und bin auch der Meinung, dass zu viele Touristen an einem Ort der ursprünglichen Kultur schaden können, aber trotzdem würde ich niemals auf die Idee kommen mich Touristen gegenüber derart unfreundlich zu verhalten. Mich hat das Gepfeife und die Beleidigungen sehr verletzt. Ich habe mir daraufhin sehr viele Gedanken gemacht, warum denn kaum Weiße auf den Straßen Durbans laufen und mich plötzlich sehr unsicher und unerwünscht gefühlt. Dabei war das wahrscheinlich genau die Wirkung, die die mit dem Ausbuhen erzielen wollten.

Durbans Innenstadt
Durban FunWorld Erlebnispark direkt am Meer und Marktstände mit
bunten Gemälden und Kunsthandwerk
Durban Bahnstrecke

Der Unterscheid zwischen den Hautfarben ist immer noch ein Thema in Südafrika und mich macht es so traurig zu sehen, dass manche Menschen wirklich ungebildet, fast sogar schon dumm sind, und nicht einsehen, dass die Hautfarbe eines Menschen nichts über dessen Charakter oder Intelligenz aussagt. Der schlimmste Satz, den ich hier bisher gehört habe, kam von einem Weißen, den wir im schickie-mickie Club in Camps Bay getroffen haben. Ich war mit Allan, einem Südafrikaner (mit dunkler Hautfarbe) und Hana im Café Caprice in Camps Bay, einer sehr reichen und schicken Gegend in Kapstadt. Wir hatten alle schon etwas getrunken und waren gerade erst in den Club gekommen, nachdem wir den Türsteher mit 300 Rand bestochen hatten, damit er uns reinlässt. (Auch kein ehrenhaftes  Verhalten, aber leider Gang und Gebe in den Clubs hier in Kapstadt, vor allem in den  reicheren Gegenden) 

Als Allan kurz bei der Bar war, hat ihn ein Weißer ganz komisch angeschaut und gemeint, dass er regelmäßig ins Caprice geht, aber es ihm neu sei, dass man jetzt auch Schwarze hier sehen würde. 

Als Allan mir das erzählt hat, bin ich richtig wütend geworden, er aber bleib ganz gelassen und meinte nur, der Weiße sei ja auch betrunken gewesen und er habe das schon öfters erlebt. Ich habe mich in dem Moment einfach nur für meine „weißen“ Mitmenschen geschämt und schlecht gefühlt. Ich kann nicht verstehen, was sich jemand einbildet so etwas Unverschämtes und Dummes zu sagen. Dieses hochnäsige Verhalten war einfach unangebracht und vor allem eines: noch aus dem letzten Jahrhundert. 

Nachdem ich also in Durban einen etwas nicht so guten Start hatte, war East London dafür umso besser. Unseren zweiten Stopp auf unserer Reise hatten wir eigentlich nur eingelegt, weil Sabie, meine WG Mitbewohnerin aus East London kommt und uns vorgeschwärmt hatte wie schön es doch dort sei. Es war wunderschön. 

Ländlichere Gegend auf dem Weg zwischen Durban und East London
Blick auf eine Kleinstadt aus dem Bus während unserer 13 Stunden Fahrt

Wir kamen abends im Dunkeln von unserer 13 Stunden Bustour von Durban nach East London an und hatten zuerst etwas Angst, da wir uns nicht auskannten und nicht wussten, ob East London auch Uber oder Taxify nutzt. Wir hatten Glück und sind mit einem Taxi zu unserer Unterkunft gefahren. Unser Apartment war super schön und sauber, wir hatten eine eigene Küche, frische Handtücher und ein riesengroßes bequemes Bett zu zweit. Auch unser Host war sehr nett und hat mit uns sogar Deutsch gesprochen, weil er für Mercedes arbeitet und deshalb schon oft in Deutschland auf Geschäftsreise gewesen ist.

In East London haben wir dann endlich unser langersehntes Mietauto abgeholt. Südafrika zu bereisen ist nämlich deutlich einfacher mit eigenem Auto. 

Fahren und schalten auf der linken Seite, war gar nicht so einfach ..

Nach ein paar wenigen Startschwierigkeiten, da man ja auf der anderen Seite der Straße fährt und deshalb auch die Gangschaltung auf der linken Seite ist und man mit der linken Hand statt der rechten schalten muss, habe ich mich auch auf die Straßen getraut. Ein paar Mal noch haben wir die Scheibenwischer statt dem Blinker betätigt und beim ersten Tanken natürlich auch erstmal nicht gefunden, wo man den Tankdeckel aufschließen muss… Wer baut denn da auch eine Verriegelung ein ? 

Somit konnten wir endlich ein Stück der Freiheit wiederbekommen, die wir seit Deutschland alle so ein bisschen vermisst haben, da man ja in Südafrika, vor allem in Kapstadt, nicht so einfach ohne Taxi oder Uber irgendwo hinkommt. Mit Auto haben wir uns dann auf den Weg zu den schönsten Stränden gemacht, die ich jemals gesehen habe. Wir sind auf Sanddünen geklettert, haben in Lagunen gebadet und haben uns gefühlt wie im Regenwald. Ich habe mich noch nie mit der Natur so verbunden gefühlt. Nach unseren zwei Tagen in East London haben wir uns auf den Weg nach Port Elizabeth zu anderen Freiwilligen aus meiner Organisation gemacht. PE hat definitiv auch sehr schöne Strände und vor allem eines, das Kapstadt definitiv fehlt: warmes Wasser im Meer. Ich bin zwar keine Wassernixe und deshalb auch kein großer Fan von Schwimmen im Meer, aber vielleicht würde ich ja tatsächlich mehr baden gehen, wenn das Wasser in Kapstadt einfach wärmer wäre. 

Magischer Strand bei East London
Hana und Jona bevor sie die Sanddüne
hochgeklettert sind
Tropische Aussichten auf eine Lagune

In PE konnten wir bei unseren Freunden unterkommen und haben von dort aus dann den Addo Elephant Park besucht. Einen großen Nationalpark mit über 500 Elefanten und Zebras, Baboons, Löwen und vielen anderen Tieren. Es war beeindruckend wie nah die Tiere kamen. Am besten haben mir die Zebras gefallen, wir haben am Ende auch noch Fohlen gesehen. Und die kamen fast ans Fenster unseres Autos. 

Einer der 550 Elefanten im Addo Elefanten Park
Das Zebrafohlen, das nur einen Meter von unserem Autofenster entfernt war

Am 24. Dezember saß ich bei strahlendem Sonnenschein am Sardinia Bay Beach in PE und habe mich gewundert wo das Christkind bleibt. Das habe ich dann zwar nicht gesehen, dafür aber einen Weihnachtsmann in Badehose und mit Mütze, der ist nämlich über die Sanddünen gelaufen. 

Wer noch kein Weihnachten im Sommer verbracht hat, sollte das unbedingt nachholen. Es ist auch mal schön den Heilig Abend bei 30 *C zu verbringen und statt Glühwein Eistee zu trinken. 

Ein bisschen Weihnachtsstimmung hat das Plastikbäumchen schließlich doch verbreitet

Irgendwann haben wir dann alle angefangen Kapstadt zu vermissen und als wir vor zwei Tagen hier wieder ankamen, waren wir so glücklich und haben uns einfach wieder Zuhause gefühlt. Leider habe ich am nächsten Morgen festgestellt, dass wir in der Zeit, in der wir weg gewesen sind Besuch bekommen hatten. Der ganze Fußboden in unserer Küche war übersäht mit Maden und Kakerlaken. Völlig fertig mit den Nerven, habe ich erstmal Haushaltstipps gegoogelt und meine Mama angerufen, die Maden waren wirklich besonders eklig. An die Kakerlaken habe ich mich ja schon so irgendwie gewöhnt, aber so kleine weiße Würmchen überall in der Küche war schon nochmal eine Stufe höher. Mit Essig und Pfefferwasser habe ich dann den Kleintieren den Kampf angesagt, aber so richtig besiegen werde ich sie wohl nicht, da das so eine Million kleine Krabbeltiere sind. Also heißt es weiterhin Essen wegschließen, alles sofort abspülen und akzeptieren. 

Besuch von Maden in unserer Küche

Ich bin definitiv gewappnet für das WG Leben in Deutschland, wenn ich zurückkomme. Wobei ich an das Zurückkommen momentan noch gar nicht denken mag. Mir gefällt es hier so gut und ich bin dankbar für alle Chancen und Möglichkeiten, die ich hier habe. Für das neue Jahr habe ich mir vorgenommen noch mehr auf meine Umwelt und meine Mitmenschen zu achten, bewusster und dankbarer mit meinem Leben umzugehen und mein Glück, das ich habe, diese vielen Erfahrungen machen zu können, noch mehr wertzuschätzen. 

Ich wünsche allen einen guten Start in das Jahr 2019, bedanke mich für all die Aufmerksamkeit und das Interesse an meiner Reise und auch für die zahlreichen Geld-Spenden über die ich mich nach wie vor freue. Ich bin mittlerweile bei der Hälfte meines Spendenbetrages angekommen. 

Kapstadt hatte uns auch vermisst: Blick aus dem Autofenster als wir nach 5 Stunden Autofahrt wieder „Zuhause“ ankamen

Liebe sommerliche Grüße aus der mother city 

Valentina 

Zwei Monate


Der Sommer kommt langsam nach Kapstadt.

Jeden Tag blüht es mehr auf meinem Weg zur Arbeit von der Lynton WG in Obs nach Athlone. Das Wetter wird immer besser und der Wind so langsam zu meinem besten Freund, denn die Sonne ist hier viel stärker als sie in Deutschland ist. Weil ich jeden Tag draußen arbeite, habe ich angefangen mich jeden Tag mit 50+ Sonnenöl einzucremen. Und tatsächlich hatte ich noch keinen Sonnenbrand. Trotzdem ist die Sonne hier wirklich gefährlich stark. 

In dem Workshop, in dem ich arbeite finde ich immer mehr meinen Platz. Jeder Tag ist unterschiedlich und dank meinem sehr launischen Supervisor Russell auch vollkommen unvorhersehbar. Das Gute daran ist, dass es die Arbeit ziemlich spannend und aufregend macht. An manchen Tagen also fahren wir nur zu einem Garten und rechen dort das Laub auf oder mähen den Rasen, manchmal sind es aber auch zwei Gärten am Tag oder wir fahren noch zum Wertstoffhof und geben die Grünabfälle ab, tanken das BAKI-Auto oder kaufen Benzin für die Maschinen. Dreckig werde ich jeden Tag, aber so sehr mich das auch früher immer gestört hat, wenn ich auch nur 5 Minuten dreckige Hände hatte, stört mich das mittlerweile gar nicht mehr so. Nur meine sandigen Schuhe leiden ein bisschen, weshalb ich mir auch ein Paar Arbeitsschuhe und ein Paar schöne Schuhe zum „Ausgehen“ besorgt habe. 

Meine dreckigen Füße jeden Tag nach der Arbeit und das obwohl ich Socken und Schuhe trage

Die letzten Wochen waren meine Trainees und ich mit einem Großprojekt beauftragt. Wir haben einen großen Sport und Freizeitplatz für das Kite Festival von meiner Arbeitsstelle vorbereitet. 

Am Anfang hatte ich wirklich Bedenken, ob wir diese große Fläche nur mit den paar Grasschneidern würden mähen können. Aber wir haben dann schließlich in der zweiten Woche, nachdem wir schon das Gras rund um die Bäume und in den Ecken getrimmt hatten, Unterstützung von einem Traktor bekommen. 

Trotzdem waren diese zwei Wochen wahnsinnig viel Arbeit, unendlich viel Gras rechen und in Säcke verpacken, Hundekot entsorgen und Müll aufsammeln. Ich bin ehrlich sehr stolz auf meine Trainees, dass wir das Festival Gelände so schön hinbekommen haben. Mich macht auch das Arbeiten mit den Behinderten so glücklich und zufrieden, das Gefühl einen Garten oder eine Area fertiggestellt zu haben, ist, finde ich, das schönste an meiner Arbeit. Und das merke ich auch bei den Trainees. 

Ich bin also so langsam zu einer Bauarbeiterin geworden oder wie mein Supervisor sagt: „ She is a farm girl“. 

Hätte mir das jemand vor diesem Jahr gesagt, hätte ich wahrscheinlich den Kopf geschüttelt. Aber das bestätigt nur noch einmal mehr meinen guten Vorsatz dieses Jahr ganz unvoreingenommen anzutreten und diesen Vorsatz verfolge ich immer noch. 

Als wir dann am Freitag vor Festivalbeginn den letzten Rundgang über das Gelände gemacht haben, waren wir alle (die Trainees und ich) sehr froh, dass wir mit dem Mähen fertig geworden sind. Am Anfang sind die Trainees mit ihren Rasenmähern wie wild kreuz und quer über das Gelände gedüst und haben das Gras gemäht, aber eben ohne Struktur. Wer schon einmal Rasen gemäht hat, weiß wie viel schneller es gehen kann, wenn man sich einen kleineren Teil vornimmt und dann streckenweise auf und ab mäht. Aber genau dieses logische Denken fehlt meinen Trainees, sodass es dann vorkam, dass sie Strecken zwar in die eine Richtung gemäht haben, aber dann vergessen haben, dass sie diese Strecke schon gemäht haben und umdrehen und dieselbe Strecke wieder zurückfahren und noch einmal mähen. 

Das viele Gras aufzusammeln war auch nicht so leicht, denn der Wind in Muizenberg, wo das Festival stattgefunden hat, ist besonders stark, sodass es oft den mühsam zusammengerechten Grashaufen in alle Richtungen geblasen hat. Ich kam jeden Tag mit mindestens einem Kilo Gras in Schuhen, Hosen, Haaren wieder zurück nach Hause. Ganz zu schweigen von dem Sand und der Erde, die es immer mitgeblasen hat. Ich war jeden Tag schwarz und dreckig von Kopf bis Fuß. 

Kite Festival in Muizenberg

Meine Trainees habe ich am dritten oder vierten Tag vorsichtig gefragt, ob sie denn nicht auch schon Muskelkater haben, denn ich hatte wirklich schlimmen Muskelkater im Rücken und in den Armen von den oft vier oder fünf Stunden Gras rechen pro Tag. 

Zum Glück war ich damit nicht die einzige und ich habe mit meinen Trainees dann gescherzt und gemeint, wir hätten damit ja Geld für das Fitnessstudio gespart. 

An einem Tag ist dann aber doch noch etwas passiert. Wir waren gerade alle beschäftigt mit Gras mähen oder aufsammeln und die Maschinen sind auch immer ziemlich laut, sodass wir trotz des großen Geländes immer einen hohen Geräuschpegel hatten. Plötzlich habe ich an der Straße ein sehr schnelles Auto vorbeirasen sehen und mich noch gewundert, weil das Gelände in Muizenberg eher in einer reicheren Gegend liegt, in der mehr weiße und ältere Menschen wohnen. Also Menschen, die meistens nicht mit dem Auto vorbeirasen. Nur eine Minute später ist ein Polizeiauto hinterhergerast. Plötzlich hat mir einer meiner Trainees heftig herbeigewunken und geschrien ich solle die Girls mitbringen, es gäbe Schüsse. Wir haben uns dann alle zusammen mehr in die Mitte des Geländes gestellt und gewartet. Ich habe erst dann gesehen, dass am anderen Ende des Geländes, wo der Rest meiner Trainees und mein Supervisor Russell gearbeitet hatten (etwa 300m von mir und den anderen entfernt) schon zwei Polizeiautos standen und irgendetwas passiert war. 

Meine Trainees haben mir dann später erzählt, dass vier Gangster versucht hatten ein Auto aus dem Caravan Parkplatz zu klauen, aber zwei von ihnen von der Polizei geschnappt wurden. Einer der beiden hatte wohl eine Waffe dabei, sodass die Polizei geschossen hat. Norman, einer meiner Trainees, der zu der Zeit gerade das Gras dort trimmen wollte, stand nur etwa 10 m von den Gangstern entfernt als die Schüsse fielen. Das alles ging so wahnsinnig schnell und ich konnte die Schüsse auch wegen meiner Entfernung und dem Maschinenlärm nicht hören, trotzdem war es ein kurzer Schock, als ich begriffen habe wie nah wir (ich, mein Supervisor, die Trainees und vor allem Norman) gerade an einem Schusswechsel waren. 

Als immer mehr Polizeiautos kamen, haben wir dann beschossen, dass wir nur noch eine halbe Stunde weiterarbeiten und dann wieder zurück zum Workshop aufbrechen. Beim Verlassen des Geländes, habe ich dann die zwei Gangster auf dem Boden liegen sehen, mit verdrehten Armen und Handschellen, die beiden müssten ungefähr mein Alter gewesen sein. 

Diese Situation hat mich besonders geprägt. Ich bin sehr froh, dass niemandem etwas passiert ist. Ich habe mir in den Tagen danach, als wir wieder auf dem Gelände waren, viele Gedanken gemacht, was wohl die Geschichte hinter dem allem war. Die beiden waren so jung und mich macht es so traurig zu sehen, wie gefährlich Kapstadt sein kann. Natürlich habe ich auch mit meinen Trainees darüber geredet und die erleben Gangshootings alle fast täglich, da sie in ärmeren Gegenden in Kapstadt leben, in denen Kriminalität leider auf der Tagesordnung steht. Fünf meiner Trainees leben in so gefährlichen Vierteln, dass sie die Arbeit immer früher verlassen, weil sie sonst in der Dämmerung heimkommen müssten und sonst ausgeraubt werden würden. 

Erst kürzlich hat mir wieder einer der Trainees aus dem Workshop erzählt, dass am Wochenende sein Cousin erschossen wurde in einem Gangshooting in seinem Viertel. Die persönlichen Geschichten der Trainees sind teilweise so herzzerbrechend und traurig. Ich wünsche mir sehr, dass ich mit meiner Arbeit, die ich hier leiste, wenigstens einen kleinen Teil dazu beitragen kann, dass die Trainees gerne zur Arbeit kommen und sich zumindest im Workshop wohl und sicher fühlen. 

Schwierig jetzt den Bericht weiterzuschreiben..

Aber das zeigt vielleicht jedem  wie vielseitig Kapstadt ist und weckt hoffentlich auch diejenigen auf, die Kapstadt nur als die „halbeuropäische Touristenstadt kennen. 

Während dem Kite Festival musste ich auch am Wochenende arbeiten, was bedeutete über das Gelände zu patrouillieren und Müll aufzusammeln. Fünf meiner Trainees haben geholfen das Gelände sauber zu halten und das ohne sich darüber zu beschweren, dass sie am Wochenende arbeiten müssen. 

Da Muizenberg ein bisschen außerhalb Kapstadt-Innercity liegt, musste ich abends mit dem Zug zurückfahren. 

Eine der anderen deutschen Freiwilligen und noch zwei Südafrikaner mussten in dieselbe Richtung, weshalb wir schließlich zusammen zum Bahnhof gelaufen sind. Dort haben wir auf den letzten Zug gewartet, der hier in Südafrika einfach irgendwann kommt. Es gibt zwar einen Fahrplan, aber der ist selten richtig. Fahrkarten kann man hier auch am Wochenende nie kaufen, zumindest habe ich für den Zug bisher am Wochenende noch nie etwas bezahlt, weil das Ticketoffice an den Bahnhöfen einfach nicht besetzt war.  

Der Bahnhof in Muizenberg war schon etwas voll, geschätzte 20 lagen auf dem Boden, 30 sind auf den Treppen gesessen und andere 15 plus wir vier standen am Bahnhof und haben auf den Zug gewartet. Als der Zug dann „angetuckert“ (ja wirklich angeschlichen) kam, haben schon Menschen aus dem Zug geschrien, dass dies der letzte Zug sei und jeder der mitwolle reinquetschen müsse. Der Zug war mehr als voll. 

Um das zu beschreiben muss man sich einen vollen Zug zum Fußballspiel oder Oktoberfest vorstellen und dann nochmal dieselbe Anzahl an Menschen dazu packen, die dann auf dem Dach des Zugs sitzen, aus den Fenstern raushängen oder sich zwischen den Waggons an den Zug hängen. 

In genau so einen Zug wollten jetzt also noch die über 60 Menschen an unserem Bahnsteig einsteigen. Und natürlich wir vier. Ich stand ein wenig vorne am Gleis und plötzlich fing das große Drängeln und Drücken an. Von hinten, links und rechts wurde gedrückt bis zum geht-nicht-mehr. Ich war auf einmal im Zug drin, meine drei Freunde allerdings nicht, die habe ich dann nur noch zur anderen Türe hinrennen sehen. Dort hingen aber wahrscheinlich auch schon zu viele Menschen aus der Türe raus, sodass die drei es nicht in den Zug geschafft haben. Weshalb diese Züge Türen haben ist mir aber sowieso ein Rätsel, denn geschlossen werden können die bei diesen Menschenmassen gar nicht.

Schließlich habe ich meine erste „Welcome to Africa“ Erfahrung im Zug heil überlebt und habe auch alle meine Wertsachen behalten können. Bei dem Gedränge wäre es aber auch kaum möglich gewesen etwas zu stehlen, da sich keiner im Zug auch nur annähernd mehr als einen Zentimeter bewegen konnte. 

Angeschaut und zugezwinkert wurde mir mehr als zehnmal, ich war schließlich auch die einzige weiße Person in diesem Zug.

Die drei anderen habe ich dann Zuhause wieder getroffen, sie mussten sich ein Taxi bestellen, da nach meinem Zug keiner mehr gefahren ist. Ich war froh, dass keinem etwas passiert ist und wir alle sicher wieder Zuhause ankamen. 

Mittlerweile habe ich hier in meiner Gegend auch wahnsinnig viele neue Leute kennengelernt. Viele sind allerdings nicht aus Kapstadt, sondern kommen aus Durban, Johannesburg oder Namibia. Die Gegend in der ich lebe ist sehr beliebt bei Studenten und jungen Leuten. Trotzdem ist es schön mit den Menschen hier in Kontakt zu kommen, alle sind immer so freundlich und offen. 

Bahnunterführung kurz vor meiner WG in Observatory

Eine Sache, die ich hier gelernt habe: Je mehr Freunde, desto sicherer bist du.

Da ich gegenüber dem Bahnhof wohne, sind auch immer sehr viele Obdachlose in unserer Straße. Ein Paar wohnt und lebt auch tatsächlich einfach vor unserem Haus in einem kleinen Zelt auf dem Grünstreifen vor dem Bahnhof. Jeden Abend bauen sie dort ihr Zelt auf und bauen es morgens wieder ab. Mit den zwei zum Beispiel versuche ich mich auch gut zu verstehen, da sie dann auch im Gegenzug ein bisschen auf uns Hausbewohner alle aufpassen und mitkriegen was tagsüber auf der Straße los ist. Sie sagen uns zum Beispiel, ob jemand komisch auffällig unser Haus und unsere Fenster beobachtet hat. Als wir neulich unser Wohnzimmer ausgeräumt und umgeräumt haben, damit es vom Messi-Zimmer zum tatsächlichen Wohn-Zimmer wird, haben wir die aussortierten Tüten mit alten Handtüchern oder Kleidern, die niemandem gehört hatten, erstmal den beiden Obdachlosen hingestellt. Sie waren unglaublich dankbar und freundlich. 

Ein anderer Obdachloser, der fast jeden Tag auf der Treppe zur Bahnunterführung sitzt, hat mir neulich erzählt, dass er von einem Tier gebissen wurde in der Nacht. Viele der Obdachlosen hier schlafen in dem Grünstreifen auf der anderen Straßenseite vor unserem Haus.  Er hat mir auch seine Finger gezeigt, die sehr schlimm und schmerzhaft ausgesehen haben. Ich habe ihm dann eine Salbe und einen Verband gebracht. 

Die Frage, die ich mir schon so häufig hier gestellt habe: Könnte mir das auch mal passieren? Auf der Straße landen? 

Hier in Kapstadt sind so viele Menschen arbeitslos. Jeden Tag bei der Arbeit fahren wir an Straßen vorbei, vor allem die Straßen (die nicht weit von einem Wertstoffhof entfernt sind) die voll sind mit Männern von jung bis alt, die auf eine Arbeit warten. 

Noch nie habe ich so viele Menschen an einer Straße sitzen sehen, darauf wartend, dass jemand anhält und sie mitnimmt.

So merkwürdig es auch klingen mag, aber ich muss dabei immer an das Gleichnis der Arbeiter im Weinberg aus der Bibel denken. Die Wanderarbeiter, die darin beschrieben werden, habe ich mir immer so vorgestellt, wie ich es hier täglich erlebe.

Mir war das Problem der Arbeitslosigkeit bisher nie so bewusst gewesen, aber seit ich in Südafrika bin, denke ich mehr und mehr über all das nach was Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit mit einem Menschen machen kann. 

Mir ist hier nämlich schon öfter aufgefallen, dass gerade die Obdachlosen denen man etwas gibt oder auch die zwei, die gegenüber von uns „wohnen“ immer nach mehr fragen, sobald sie merken, dass man bereit ist ihnen etwas zu geben. Einmal zum Beispiel haben wir unsere übriggebliebenen Essensreste an die Obdachlosen gegeben, beide waren zwar super dankbar, aber sofort kam auch die Frage, ob wir nicht auch Schuhe oder Kosmetikartikel für sie hätten. Ich weiß nicht wie ich sein würde. Würde ich auch sofort nach noch mehr fragen, weil ich Hoffnung habe, dass ich etwas bekomme oder wie würde ich mich verhalten als Obdachlose? Würde ich überhaupt jemals in eine solche Situation kommen? Wie landet man auf der Straße? 

Und vor allem: Wie schafft man es von der Straße los zu kommen?

Oft sieht man am Straßenrand auch selbstgebaute Tische, Zäune oder Hundehütten zum Verkauf, die die Leute dort produzieren.

Einen richtigen Umgang mit den Obdachlosen hier zu finden, finde ich als Deutsche sehr schwer, weil ich ja nicht unfreundlich sein möchte, aber ich einfach jeden Tag mehr als dreimal nach Geld, Essen oder Kleidung gefragt werde und ich oft nicht weiß, wo ich anfangen soll und wo ich aufhöre. 

Das wird wohl auch noch eine Weile dauern bis ich da meinen Weg gefunden habe. 

Für die nächste Woche steht Streichen des Konferenzraums auf meinem Arbeitsplan. Ich freue mich schon auf Farbkleckse und Malerklamotten südafrikanischer Art. 

Bis dahin wünsche ich allen einen schönen Monat November und freue mich auf Antworten, Fragen oder einfach nur eine nette Nachricht. 

Email- Adresse: epp.valentina@icloud.com

Wer möchte darf meinen Bericht oder auch gerne meinen Flyer an Verwandte, Bekannte oder Freunde weiterleiten um auf meine Organisation aufmerksam zu machen und mein Projekt zu teilen. 

Nach wie vor freue ich mich über jede Spende, die auf mein Spendenkonto eingeht. 

Egal ob groß, klein oder mittel, jeder Cent zaubert mindestens ein Lächeln in mein Gesicht und das meiner Trainees im Athlone Workshop. 

Liebe Grüße aus dem sonnigen Kapstadt, 

Valentina Epp

Die erste Woche …

Seit einer Woche bin ich nun also schon in Südafrika. Der Flug von Stuttgart über London und Johannesburg nach Kapstadt verlief zum Glück ohne Schwierigkeiten und auch die vielen Medikamente in meinem Handgepäck und mein beinahe ein Kilo Übergepäck waren kein Problem. 

In London habe ich dann die anderen Freiwilligen aus meiner Organisation getroffen, die ebenfalls alle in Kapstadt bleiben. Während dem elf Stunden Flug nach Johannesburg konnte ich mich auf meinem gefühlt nur 20 cm breiten Sitz zwar kaum bewegen, aber dafür auch einigermaßen schlafen. 

Von Jo’burg ging es dann morgens noch zwei Stunden weiter nach Kapstadt. Dort wurden wir am Flughafen von unserem Mentor Thomas abgeholt, der dann mit uns zu unserem Backpackers Hostel gefahren ist, in dem wir dann schließlich bis Mittwoch waren. 

Das erste Wochenende haben wir dann damit verbracht uns mit Sicherheit und Schutz vor Kriminalität zu beschäftigen.

Der Garten im Observatory Backpackers, unsere Unterkunft in der ersten Woche

Von dem Backpackers aus hatte man es nicht weit zum nächsten Spar-Supermarkt. Auf dem Weg dorthin habe ich das erste Mal realisiert, dass ich jetzt also wirklich in Kapstadt bin. 

In dem Viertel, das Observatory heißt, in dem auch das Hostel war, leben viele Studenten und somit auch viele Weiße. Es ist auch eines der sichersten Viertel hier in Kapstadt. 

Blick auf den Devil’s Peak in den Straßen von Observatory

In Kapstadt, der zweitgrößten Stadt Südafrikas, leben etwa 3,7 Mio Einwohner auf einer Fläche von 2460 Quadratkilometern. Allerdings gibt es hier kaum Wohnhäuser, die mehr als ein Stockwerk besitzen. Wenn, dann sind das Bürogebäude oder andere Offices. Trotzdem finde ich den Baustil hier einfach wunderschön. Viele Häuser sind mit einer kleinen Veranda ausgestattet und haben schöne weiße oder andersfarbige Metallverschörkelungen am Vordach, sodass ich immer ein bisschen das Gefühl habe in einer Märchenwelt zu sein und gleich Rapunzel, Schneewittchen und co. über den Weg zu laufen. 

Kapstadt Inner City Bowl

Dennoch darf man nicht vergessen, dass alle Häuser hier in irgendeiner Weise von einem hohen Zaun umzäunt sind und die meisten auch noch eine seperate Metallgittertür haben, die die Haustüre doppelt vor Diebstahl sichert. 

Am Montag hatte ich meinen ersten Arbeitstag im Athlone Workshop von Cape Mental Health. Die Gruppe, die ich mitbetreue heißt Siyakwazi und besteht aus etwa 12 Erwachsenen, die alle eine mehr oder weniger leichte psychische oder geistige Behinderung beziehungsweise Einschränkung haben, meinem Chef Russel und mir. 

Der Eingang des Athlone Workshops, meiner Arbeitsstelle für ein ganzes Jahr

An meinem ersten Tag bin ich zusammen mit dem Freiwilligen von letztem Jahr zur Arbeit gefahren. Hier in Südafrika fährt man mit dem Taxi überall hin. Allerdings sind das meist Minibusse, die oft aber auf die absurdesten Arten umgebaut wurden oder um Sitze erweitert. Teilweise habe ich in diesen Taxen schon Klappstühle oder andere Sitzmöglichkeiten gefunden..

Komfort eines Taxi Minibus

Um in ein solches Taxi einzusteigen, stellt man sich einfach an die Main Road an eine Straßenecke und wartet bis ein Taxi vorbeikommt. Manchmal ist das innerhalb von zwei Minuten, manchmal dauert es schon auch ein bisschen länger, aber bisher habe ich noch nie länger als 10 Minuten auf ein Taxi warten müssen. Da könnte sich die Deutsche Bahn ruhig einmal etwas abschneiden. 

Sobald man einmal im Taxi eingestiegen ist, wobei es da auch wieder einen Unterschied gibt zwischen „Black Taxis“ oder „Couloured Taxis“, gibt man entweder in einem sogenannten „Couloured Taxi“ dem „Rausschreier“ das Geld für die Fahrtstrecke, also dem, der permanent die Türe auf und zu macht und aus dem Fenster die Richtung herausschreit, in die das Taxi fährt. Oder eben bei einem „Black Taxi“ dem ersten der vorne links neben dem Fahrer sitzt. 

Woran ich mich definitiv gewöhnen muss, ist das Fahren auf der linken Seite. Das ist teilweise sehr angsteinflößend, wenn das Taxi plötzlich auf die linke Spur abbiegt und ich mich ständig frage, ob da auch ja kein Gegenverkehr kommt. 

Die Strecke, die ich jeden Morgen fahren muss, sind etwa 5 km und kosten mich jeden Morgen 15 Rand, das sind in etwa 80ct. Also definitiv bezahlbar. 

Generell würde ich sagen, dass ich als Europäer in einem Land wie Südafrika, in dem die Währung so wenig wert ist im Vergleich zum Euro, recht billig leben kann. 

Trotzdem erschrecke ich manchmal, wenn es im Supermarkt heißt „300 Rand please“. 300 Rand sind aber schließlich ja doch nur 17 €. 

Als mir Jacob, mein Vorfreiwilliger, am Montag den Workshop das erste Mal gezeigt hat, kam mir das alles so groß und uneinsichtig vor. Ich habe mindestens 70 neue Menschen kennengelernt und nochmal so viele Werkzeuge und Containerschlüssel. Ich arbeite mit meinen Trainees, so nennen wir hier die Behinderten, in verschiedensten Gärten rund um sammeln Laub auf oder waschen Autos. An meinem ersten Tag, haben wir den Garten rund um den Workshop aufgeräumt, am zweiten Tag war ich dann schon alleine mit den Trainees und wir haben die Autos auf dem Gelände des Workshops gewaschen. 

Mittlerweile weiß ich auch wie man ein Baki Car von einem Tata Car unterscheidet und kann die Autofenster mit Putzlappen aus alten Pullovern oder T-shirts waschen und mit altem Zeitungspapier trocken reiben. 

Am dritten Tag habe ich zusammen mit Russel drei verschiedene Gärten gemacht und Gras aufgesammelt, Verandas gekehrt, habe viel von Kapstadt gesehen. 

Dadurch, das ich für meine Arbeit viel im Baki Car herumfahre, meistens sitzen die Trainees oder ich hinten im Laderaum zwischen den ganzen Gartengeräten. Von Sicherheitsgurten oder anderen Sicherheitsvorkehrungen haben sie hier noch nicht ganz so viel mitbekommen. Aber ich muss sagen mir gefällt das Fahren hinten im Laderaum tatsächlich viel besser als normal vorne einzusteigen. Ich sehe so viel von Kapstadt und die verschiedenen Viertel. 

Township Viertel an den Straßenrändern der M3 in Kapstadt

Zwischen den vielen Häusern mit schönen kleinen Gärten oder Verandas gibt es zwischendrin auch große Township-Viertel, in denen die Menschen sehr oft in selbst zusammengeschusterten Wellblechdachhäusern wohnen gleich nebendran die eigenen Kühe oder Hühner im Stall aus altem Stacheldrahtzaun oder Autoreifen. 

Wellbleche als Zaun zur Absicherung vor Diebstahl

Es gibt Häuser in diesen Townships. Meistens jedoch am Rand, oftmals von der Regierung gestellt und für die Bewohner zur Miete, aber so teuer, dass sie sich diese nicht leisten können. 

Gleich neben solchen Vierteln findet man aber auch sehr reiche Viertel, in denen die Leute oftmals in Security-Gelände wohnen, was ein geschlossener Häuserblock ist, in den man nur reinkommt nachdem man ein Sicherheitsgate mit einem Securitybeamten durchquert hat.

Gated Community in Capricorn, Muizenberg
Villa am Clifton 2nd Beach

Kapstadt ist also definitiv eine Stadt in der man alles sieht. 

Von Township über Gated Community, Studenten-WG oder Riesenvilla mit Pool und Hausmädchen. 

Ich bin am Mittwoch auch umgezogen in meine neue WG hier in Obz. 

Der kleine Hinterhof in meiner WG mit Aussicht auf Palmen

Mit mir leben fünf Südafrikaner und drei andere Deutsche. Wir sind ein bunt zusammengewürfelter Haufen und ich finde es einfach nur toll. 

Am vierten Tag im Athlone Workshop habe ich zwei andere Gärten gesehen und dort zusammen mit den Trainees Rasen gemäht, später Reifen gewechselt und eine Tür repariert. 

Am Freitag dann mussten wir Schlösser an die Schränke der Trainees anbringen, damit dort nichts mehr geklaut wird. 

Ich fühle mich sehr wohl in meinem Projekt, habe schnell versucht den Trainees das Gefühl zu geben, dass ich auch arbeiten kann und nicht nur rumstehe. 

Ich denke aber das braucht noch eine gewisse Zeit bis ich ihr Vertrauen gewinne. 

Am Freitag war schließlich ein etwas ruhigerer Tag, an dem Russel und ich Besorgungen erledigt haben und die nächsten Wochen vorgeplant haben. Und schließlich haben wir noch Holz gehackt. Wobei mein Part nur darin bestand, das Holz vom Boden aufzuheben und in Säcke und Kisten zu verpacken. 

Die erste Woche ist vorbei und ich weiß mittlerweile welches Taxi ich zur Arbeit nehme, dass ich eiskalte Duschen nicht cool finde, wie man Türschlösser austauscht und was ich machen muss, wenn mir eine Billion Kakerlaken in der Küche begegnen. 

Stay calm – it’s Southafrica. 

Liebe regnerische und windige Grüße aus Kapstadt, 

Valentina Epp 

Noch 18 Tage

Wie soll ich bloßanfangen? 

Vielleicht erstmal der Reihe nach: 

Alles begann damit, dass ich vor meiner Abi-Klausurenphase wieder einmal in Panik verfallen bin und regelrechte Angstzustände hatte, ich würde nach meinem Abitur in ein Loch fallen und nicht wissen wohin mit mir. 

Also habe ich überlegt was alles in Frage kommen könnte: 

Eine Ausbildung, ein duales Studium, ein klassisches Studium – nur was .. ?

Ein FSJ …  ?

Studieren hat für mich so etwas längerfristiges, eine Entscheidung, die man für längere Zeit eingeht und diese Entscheidung konnte ich noch nicht treffen. 

Schlimmer noch war für mich der Gedanke daran, dass ich nach meinem Abschluss gleich wieder in den Lernalltag einsteigen müsste und ich mir gar nicht sicher wäre, ob ich wirklich das studiere, was ich später einmal machen möchte. 

Während der Zeit am Gymnasium habe ich immer versucht auch so viel wie möglich nebenher zu machen: Bücherei-Betreuung, Internetcafé-Aufsicht, Nachhilfe, Hausaufgabenbetreuung, Arbeiten in einem Weltladen, Bedienen in einem Restaurant, … 

Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass mein sozialer Beitrag an die Gemeinschaft nicht besonders groß war. Denn tatsächlich habe ich ja immer ein bisschen Geld dafür bekommen. 

Ich finde es sehr wichtig, dass ich in meinem Leben auch einmal meine Grenzen überschreite, meinen Horizont erweitere und persönliche Erfahrungen sammeln kann – auch in Bezug auf Auslandserfahrungen. 

Deshalb habe ich mich an einem Abend intensiv hingesetzt und das Netz nach Freiwilligendiensten abgesucht. Eine Freundin hatte mir von dem weltwärts-Programm des Bundesministeriums für entwicklungspolitische Bildung erzählt mit dem sie in Nepal war. Daher war die weltwärts-Seite auch meine erste Anlaufstelle an dem Abend. 

So erfuhr ich auch von SAGE Net, ein gemeinnütziger Verein, der sich für den Austausch zwischen Südafrika und Deutschland stark macht. Und in Form eines Netzwerkes eine Plattform für unterschiedliche Kooperationen und dauerhafte Partnerschaften schafft. Alle Projekte, die SAGE Net koordiniert, haben mich angesprochen und ich habe mich noch an diesem Abend hingesetzt und meine Bewerbung an SAGE Net geschickt. 

Im Nachhinein war es ziemlich leichtsinnig mich nur bei einer Organisation zu bewerben. 

Es ist ja aber schließlich alles gut gelaufen und nach nur wenigen Wochen war klar: Ich werde nach Südafrika gehen. 

Nach einem Telefongespräch mit Carola Blendermann, der Geschäftsführerin bei SAGE, wurde ich zu einem kleinen Auswahltag in Berlin eingeladen. 

Also ging es auf nach Berlin. 

In Berlin dann wurde ich sehr freundlich von Leonie in Empfang genommen, die schließlich auch das Gespräch anleitete. 

Gerade angekommen, war ich froh, dass das Gespräch so locker und interessant verlief. 

Noch am selben Tag hatte ich dann die Zusage. 

So richtig glauben kann ich das alles aber bis jetzt noch nicht. 

Heute ist der 20. August, also noch genau 18 Tage bis zu meiner Ausreise. 

Auszug aus meinem Zimmer in Deutschland

Nachdem ich die anfänglichen Problemchen mit meiner Auslandskrankenversicherung und dem Mitführen meiner vielen Medikamente wegen meiner Diabetes Typ 1–Erkrankung klären konnte und auch die Beantragung meines Visums gut und schnell verlaufen ist, bin ich wenig gestresst und genieße gerade noch die letzten Tage hier in Deutschland, gehe arbeiten und mache noch viel mit den Freunden, die ich jetzt ein ganzes Jahr oder oft auch noch länger nicht sehen werde. Viele gehen nämlich selbst ins Ausland oder schon zum Studieren in eine andere Stadt. 

Auch eine kleine Abschiedsfeier haben mir meine Freunde organisiert. Das war wirklich sehr schön nochmal alle zu sehen. 

Mit diesem ersten Bericht möchte ich meinen bisherigen Unterstützern und Spendern recht herzlich danken. 

Ich habe mir vorgenommen etwa alle 2-3 Monate ein schriftliches Update zu geben, damit ich von meinen Erfahrungen berichten kann und jeder so einen Einblick in meine Tätigkeit als Freiwillige im Projekt SIYAKWAZI in Kapstadt erhalten können und wissen, wohin Ihre Spende fließt. 

Gerne dürfen Sie mir aber auch eine E-mail schreiben mit Fragen und Antworten, ich würde mich sehr freuen so mit meinen Unterstützern in Kontakt treten zu können.  

Herzlichen Dank und liebe Grüße (noch aus Deutschland), 

Valentina Epp